Sicherheit in Rios Favelas
„Schüsse fallen nur, wenn Brasilien gewinnt“

Bandenkriege und Blutvergießen in den Favelas: Ein Horrorszenario, das der brasilianische Staat mit einer Spezialpolizei bekämpft. Während der WM ist es in Rios Armenvierteln ruhig – doch die Probleme bestehen weiter.
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Rio de JaneiroDie Mauer steht rechtzeitig. Diesseits eine Schnellstraße, jenseits der Complexo da Maré. 16 Favelas umfasst dieser riesige Bezirk im Norden von Rio de Janeiro, er die Heimat von 120.000 Menschen. Eine Lärmschutzwand würden sie bekommen, hieß es seitens der Stadt, als die Wand hochgezogen wurde. Ein Sichtschutz ist es geworden, sagen andere: Damit die Gäste aus aller Welt die Armenviertel nicht sehen müssen, auf ihrem Weg vom Flughafen über die Schnellstraße nach Copacabana.

In diesem Frühjahr rückte außerdem das Militär schwer bewaffnet und mit Panzerfahrzeugen in den Complexo da Maré ein. Soldaten halten derzeit die Stellung in den Favelas, bis zwei Wochen nach dem WM-Finale sollen sie bleiben.

Es ist eines der letzten Mosaiksteine im Sicherheitskonzept von Stadt und Land, das Rio de Janeiro für die sportlichen Festtage – nach der Fußball-Weltmeisterschaft folgen in zwei Jahren die Olympischen Spielen – rüsten sollte.

Von der Mauer und Maré erzählt Walther Mesquita. Er wohnt in Tavares, einer kleinen Favela im Stadtteil Catete. „Es ist während der WM in der Stadt ziemlich friedlich geblieben“, sagt er. Dafür sei aber nicht die Polizei verantwortlich. „Auch die Leute in den Armenvierteln begeistern sich für Fußball, vielleicht noch mehr als die anderen“, erzählt Walther. „Wenn in diesen Tagen Schüsse zu hören sind, dann hat das nichts mit einem Drogenkrieg zu tun, sondern dann wird nach Brasiliens Siegen aus Freude ein paar Mal in die Luft geschossen.“

Früher war Tavares einer der zentralen Drogenumschlagplätze von Rio de Janeiro. Doch dann kam die Eliteeinheit BOPE, deren Logo aus einem Totenkopf mit Dolch und gekreuzten Pistolen besteht, und errichtete ihr Hauptquartier auf einem Berg in Tavares. „Eine martialische Truppe, immer in Schwarz gekleidet“, sagt Walther. Ihr Auftreten sagt viel über das Selbstverständnis dieser Polizeieinheit.

Rund zwei Millionen Cariocas, wie die Einwohner von Rio de Janeiro heißen, leben in einer Favela. Die Bezeichnung „Favela“ haben die Gemeinden einer brasilianischen Kletterpflanze gleichen Namens zu verdanken. So wie das Gewächs kletterten die Armenviertel in Rio die Berge hoch, dicht bebaut aus allem, was greifbar ist, die Straßen eng, die Gesetze selbstgemacht. Drogenbanden regierten oder regieren noch immer in den Favelas. Die Abwesenheit des Staates hat sie groß gemacht.

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