Vom Fan zum Model
Cinderella-Story, zu gut um wahr zu sein

Die Belgierin Axelle Despiegelaere soll für ihre Mannschaft so schön gejubelt haben, dass L‘Oréal ihr prompt einen Werbevertrag anbot. Aschenputtel-Geschichte oder PR-Coup? Es riecht zumindest ein wenig nach Letzterem.
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DüsseldorfDas ist wohl der Traum eines jeden Mädchens. Bei einer öffentlichen Veranstaltung ein oder zweimal nett in die Kamera gelächelt – und schon wird man von einem großen Kosmetikunternehmen vom Fleck weg als Werbemodel gebucht. Die Chance, dass so ein Träumchen Realität wird ist natürlich leider verschwindend gering. Auch wenn entsprechende Modelqualitäten vorhanden sind.

Doch genau das soll einer Belgierin nun passiert sein. Die Belgierin Axelle Despiegelaere (17) wollte eigentlich nur ihre Mannschaft anfeuern und flog zu einem WM-Spiel der belgischen Nationalmannschaft nach Brasilien. Während des Spiels jubelte sie strahlend, als Teufel in Belgien-Farben verkleidet und mit gleichfarbigen Pompons wedelnd, für ihre Nationalelf. Dabei wurde sie zufällig von der Stadion-Kamera eingefangen – und von ein paar Facebook-Usern. Diese teilten die Bilder des hübschen belgischen Fans im Netz und sorgten für eine virale Verbreitung von Axelles Fotos. Sogar in brasilianischen Zeitungen soll die 17-jährige abgebildet worden sein. Irgendwann muss der Facebook-Trend einem Werbemanager des Kosmetik-Konzerns L’Oréal aufgefallen sein. Denn nun soll die junge Belgierin wegen ihrer hübschen Jubelei direkt einen Modelvertrag bei dem Unternehmen erhalten haben. Angeblich wurde sogar schon ein Werbefilm mit der Blondine gedreht.

Das „Plötzlich Model“-Märchen von Axelle Despiegelaere verbreitet sich rasant im Netz und auch Boulevardpresse wie Bild, Intouch oder Ok-Magazin springen auf den Zug auf. Die Reaktionen auf Twitter, Facebook und co. machen sehr deutlich:  Diese Geschichte trifft das Herz der Leser. Endlich der Beweis dafür, dass Märchen doch noch wahr werden können! Endlich kann man doch noch an Wunder glauben. Zukünftig wollen wir alle versuchen, beim nächsten Besuch eines Fußball-Turniers oder beim Konzert der Lieblingsband besonders hübsch in die Kamera zu lächeln – vielleicht winkt ja dann auch ein Werbevertrag? Auf der anderen Seite wirkt das märchenhafte Schicksal von Axelle wie eine perfekt inszenierte PR-Aktion. Es ist keine Neuigkeit, dass große Unternehmen sich für gelungene PR-Aktionen viel einfallen lassen und dass sie dabei besonders gerne auf virale Facebook-Posts setzen.

Außerdem erstaunlich ist, dass Axelle schon jetzt eine eigene Fanpage mit über 225.000 Likes besitzt. Das Newcomer-Model hat die Seite am 24. Juni eingerichtet – vermutlich direkt nachdem L’Oréal bei der schönen Belgierin angeklopft hat. Die Chronik zeigt reichlich Bilder von der jubelnden Blondine beim WM-Spiel und sämtliche Artikel über die L’Oréal-Neuentdeckung. Aber die Schülerin nutzt ihre neue Fanpage auch für andere Dinge, z.B. um ein Foto von sich mit einer erschossenen Oryx-Antilope aus dem vergangenen Afrika-Urlaub zu posten. Das erinnert doch sehr an die kürzlich in die Presse geratene Hobby-Jägerin Kendall Jones. Die Amerikanerin sorgte für Furore im Netz, weil sie Fotos postete, auf denen sie neben eigens erlegten wilden Tieren posierte. Das brachte Jones natürlich viel Kritik ein – bescherte ihr aber auch eine ganze Menge öffentliche Aufmerksamkeit. Insgesamt wirkt die Seite also wie ein gut angelegtes Projekt um Axelles Modelkarriere, und vielleicht auch die ihres zukünftigen Arbeitgebers, voran zu treiben und den Facebook-Hype um das Mädchen aufrecht zu erhalten.

Was ist also nun dran an der Cinderella-Story der Axelle Despiegelaere? Vielleicht werden wir es nie erfahren. Eines ist auf jeden Fall sicher: Schaden tut es einem Kosmetik-Unternehmen sicherlich nicht, wenn es das süße fußballbegeisterte Mädchen von nebenan unter Vertrag nimmt. Vielleicht soll hier ja vehement gegen das Image der brutalen Modelindustrie vorgegangen werden.

Annika Reinert
Sonja Schärf
Handelsblatt / Freie Mitarbeiterin

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