WM-Teamcheck
Brasilien startet die Mission Pflichterfüllung

Für den Gastgeber zählt nur der WM-Titel. Doch mit Schönspielerei wird die Pflichtübung gegen Kroatien, Mexiko und Kamerun schon zu Beginn schwer. Was Brasilien beachten muss – und wer mit der Seleção das Rennen macht.
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Brasilien: Die Angst vor der Katastrophe

19 Teilnahmen, 5 Titel. So lautet die beeindruckende Bilanz des Rekordchampions, der als einzige Nation an allen Auflagen der Fußball-Weltmeisterschaft teilgenommen hat. Nun soll im eigenen Land der sechste Titel dazukommen – Neymar, Hulk und Co. wollen die begehrte Trophäe am 13. Juli in den Himmel von Rio de Janeiro recken. Doch der Weg zur umjubelten Unsterblichkeit ist alles, nur kein Selbstläufer.

Auf dem Papier besteht die brasilianische Nationalmannschaft aus einer Ansammlung von Weltstars, die ihr Geld fast alle bei europäischen Topclubs verdienen. Neymar und Dani Alves kicken bei Barcelona, Marcelo wurde jüngst mit Real Madrid Champions-League-Sieger. David Luiz, Ramires und Oscar sind für Chelsea am Ball, Dante ist beim FC Bayern eine wichtige Erfolgssäule und der Ex-Münchner Luiz Gustavo soll dem VfL Wolfsburg zu neuen Höhenflügen verhelfen. Doch wie stark sind die Einzelkönner als Team? Und wo steht die Seleção fußballerisch wirklich?

Als Gastgeber blieb der Mannschaft von Trainerlegende Luiz Felipe Scolari der beschwerliche, aber aufschlussreiche Weg über die Qualifikation in der Südamerikanischen Fußball-Konföderation, kurz CONMEBOL, erspart. Und ob der Gewinn des Confed-Cups im vergangenen Jahr ausreicht, um Brasilien als Topfavorit ins Rennen um den WM-Thron zu schicken, ist fraglich. Zwar gelang es dem Gastgeber, der Übermannschaft Spanien den Nimbus der Unbesiegbarkeit zu nehmen. Doch der Turnierverlauf offenbarte zugleich die Schwäche der Seleção, die ihr Spiel allzu sehr auf die genialen Einfälle und Momente ihres Spielmachers Neymar zugeschnitten hat. Wird das brasilianische Juwel kaltgestellt, wirkt das Aufbauspiel der Samba-Truppe schnell uninspiriert, statisch und durchschaubar.

Brasilien, in der aktuellen Fifa-Weltrangliste ‚nur’ auf Platz vier, muss vor allem in puncto Variabilität zulegen und die Last der Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen. Scolari, der das Team bei der WM in Japan und Südkorea zum bisher letzten Triumph führte, hat dies erkannt und mit Thiago Silva, David Luiz, Julio Cesar und Fred nun überraschend gleich vier Kapitäne ernannt – eine sprichwörtlich teambildende Maßnahme, die im Turnierverlauf Früchte tragen und die Mannschaft zu einer schlagkräftigen Einheit formen könnte. Ohnehin ist dem akribischen Disziplinfanatiker daran gelegen, die Spannung im Vorfeld des so immens wichtigen Turniers hochzuhalten. Und so rügte der Nationaltrainer jüngst die Trainingsleistung seiner Spieler, die ein Übungsmatch nicht mit der nötigen Intensität und Leidenschaft angingen.

Leidenschaft legen auch die Fans der Seleção an den Tag, wenn sie ihr Team mit Sambaklängen zu Höchstleistungen trommeln. Doch gerade um die so wichtige Unterstützung der Fans ist es bei der Heim-WM alles andere als sicher bestellt. Die anhaltenden sozialen Unruhen in den Armenvierteln des Landes, die Demonstrationen gegen die Politik der Regierung und die Preisgestaltung bei der Kartenvergabe drohen zum größten ‚Unsicherheitsfaktor’ für die Mission Titelgewinn zu werden. Niemand weiß, wie fragil die Sicherheitslage im Land ist. Kommt es zu gravierenden Ausschreitungen und Gewaltexzessen, dürfte der Fußball schnell zur Nebensache werden. Beim Confed-Cup schlugen sich die Spieler auf die Seite der Demonstranten. Gut möglich, dass sie auch bei der WM gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und Position beziehen müssen.

Fazit: Mit Kroatien, Mexiko und Kamerun trifft Brasilien auf drei technisch versierte, spiel- und/oder kampfstarke Teams, die gegen den ‚haushohen’ Favoriten nichts zu verlieren haben. Lässt es die Scolari-Elf an Kompaktheit, Aggressivität, Leidenschaft und Effizienz vermissen, wird es schwer, die individuelle Überlegenheit in Ergebnisse umzumünzen. Wegweisend dürfte vor allem das Eröffnungsspiel in São Paulo werden: Dort wartet mit dem kroatischen Team um Spielmacher Luka Modric ein unbequemer Gegner. Nimmt Brasilien die Hürde, holt das Team den Gruppensieg.

Prognose: Die Seleção verfügt über großartige Spieler. Gelingt es Scolari, aus der Ansammlung von Einzelkönnern ein schlagkräftiges Team zu formen, winkt das Finale. Dort ist alles möglich. Kommt die Mannschaft in der Vorrunde nicht ins Rollen, könnte sich die Stimmung gegen das mit Stars gespickte Team wenden. Dann platzt der Traum vom sechsten Titel wie 2006 und 2010 bereits im Viertelfinale.

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