Iron Dome
Eine Waffe für den Frieden?

Das Raketen-Abwehr-System „Iron Dome“ zerstört anfliegende Geschosse, bevor sie auftreffen. Israel will das System weiter ausbauen. Doch Experten streiten, ob es den Nahost-Konflikt ent- oder vielmehr verschärft.
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Auf dem Stellplatz A8 bei der Luftfahrtschau im französischen Le Bourget können Besucher ab nächster Woche eine der bekanntesten Raketen-Abwehrsysteme der Welt begutachten: Die Firma Rafael Advanced Defense Systems präsentiert dort ihren Iron Dome, jenen Raketen-Schutzschirm, der die israelische Bevölkerung vor dem Beschuss der radikal-islamischen Hamas schützt. Das Verteidigungsministerium bezeichnet die neue Technik als lebensrettenden „game changer“ oder anders gesagt: Sie soll die Karten im Konflikt neu mischen. Nach Regierungsangaben fängt das System 85 bis 90 Prozent aller Raketen ab, die die Hamas auf bevölkerte Gebiete unter dem Iron-Dome-Schirm abfeuert.

Die USA haben im Mai 2014 die finanzielle Unterstützung für das Programm von 175 Millionen Dollar auf 351 Millionen Dollar verdoppelt. Ihre Begründung: Wenn Länder ein effektives Abwehr-System besitzen, müssen sie nicht mehr militärisch gegen die Abschussstellen der Raketen vorgehen. Da die Hamas in Gaza ihre Abschussrampen öfters an bevölkerten Plätzen platziert, minimiere das die zivilen Opfer auf beiden Seiten.

Südkorea – stets bedroht von Nachbar Nordkorea – hat Interesse an einer Version des Iron Dome angemeldet, und Polens Verteidigungsminister Robert Kupiecki sagte auf einer Sicherheits-Konferenz im Jahr 2013, dass Israels System „die Lösung” sei. Zwar könne sie nicht Eins zu Eins auf andere Länder übertragen werden, aber als Vorbild für die Nato-Verteidigung im Osten Europas dienen. Auch die deutsche Bundeswehr will ihr Raketen-Abwehrsystem für mehrere Milliarden Dollar modernisieren.

Allerdings glauben nicht alle an den befriedenden Effekt des Abwehrsystems, wie ihn die Regierungen propagieren. Die Nahost-Journalistin Sara Sorcher schreibt im US-Magazin National Journal, dass der Raketenschirm den Friedensprozess im Nahen Osten gar gefährden könne. „Die größten Durchbrüche geschahen dann, wenn Israel verletzlich war“, zitiert sie Aaron David Miller, der als Berater unter sechs US-Außenministern an den Friedensanstrengungen beteiligt war. So sei der Friedensvertrag mit Ägypten 1979 nur gelungen, weil der „militärische Status Quo nicht mehr tolerierbar war“; ähnlich sei die Motivation für den Durchbruch 1991 auf der Konferenz in Madrid gewesen. Zuviel Geborgenheit, so das Argument, schmälere die Chance auf einen neuen Friedensvertrag.

Die Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch sieht in der Technologie einen ersten Schritt zu einer Automatisierung des Krieges: „Autonome Waffen, die ohne nennenswerte menschliche Kontrolle agieren, schaffen eine zwiespältige und beunruhigende Situation.“ Die Waffen selbst könnten schließlich nicht für ihr Verhalten verantwortlich gemacht werden. „Sie fielen damit nicht unter die Rechtsprechung internationaler Tribunale und die Konsequenzen ihres Einsatzes könnten so nicht bestraft werden. Menschen würden wohl erst schuldfähig, wenn sie bewusst mit einem Roboter das Gesetz brechen.”

Rafael entwickelt das System derzeit weiter und kündigt es für das Jahr 2016 unter dem Namen  David’s Sling (zu Deutsch: Davids Schleuder) an, welcher auf die biblische Figur David zurückgeht. Es soll Raketen aus Syrien und von der Hisbollah aus dem Libanon abfangen. Israels Verteidigungsministerium erklärte, diese Weiterentwicklung werde die Lücke zwischen dem Iron Dome, der Kurz-Strecken-Rakten abfängt, und dem Arrow-System, das ballistische Langstrecken-Geschosse abwehrt, füllen.

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„Nur Diplomatie kann den Konflikt lösen“

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