Solarflieger Bertrand Piccard
„Das ist die Magie von Abenteuer“

Mit der Erdumrundung im Solarflieger Solar Impulse 2 will der Luftfahrt-Pionier Bertrand Piccard erneut Geschichte schreiben. Dabei war ihm das Fliegen beileibe nicht in die Wiege gelegt, wie er im Interview erläutert.
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Monaco Handelsblatt: Als Kind litten Sie unter Flugangst. Das klingt angesichts Ihrer Errungenschaften in der Luftfahrt geradezu ironisch.
Bertrand Piccard: Ja, als Kind habe ich es sogar gehasst, auf Bäume zu klettern, weil ich solche Angst hatte runterzufallen. Als ich zum ersten Mal einen Drachenflieger gesehen habe, wusste ich: Das ist es, was ich brauche, um meine Höhenangst zu kurieren. Also habe ich mit Drachenfliegen begonnen und meine Angst so überwunden.

Ich habe damals verstanden, dass man viel mehr erreichen kann als man denkt, wenn man die Selbstwahrnehmung schärft und sich ganz und gar auf den gegenwärtigen Moment konzentriert. Angst ist in der Regel eine Projektion in die Zukunft. Wenn Du dich auf die Gegenwart konzentrierst, lässt du ihr keinen Raum mehr. Ich war wirklich erstaunt, was ich mit meinem Drachen alles machen kann - Höhenflüge, Luftakrobatik, Loopings, Drehungen, Nachtflüge. Das alles hätte ich nie für möglich gehalten, doch tatsächlich habe ich es mit großer Freude gemacht.

So wie Sie es früher nicht für möglich gehalten hätten, mal Kunstflüge mit dem Drachen  zu machen, schien es auch lange unmöglich, in einem Solarflugzeug die Welt zu umrunden. Jetzt stehen Sie vor der schwierigsten Etappe über den Pazifik – und mussten den Start schon zweimal verschieben. Was kann noch alles schief gehen?
Wenn man etwas zum ersten Mal macht, das noch niemand vorher gewagt hat, gibt es keine Benchmark. Alles kann schief gehen, denn alles ist ein Experiment. Wir haben die Technologie weit vorangebracht, wir haben den Piloten und die Sicherheitssysteme optimiert, aber das Wetter können wir nicht beeinflussen.

Das ist es, was mir Angst macht: Abheben in einem Wetterfenster, das gut erscheint und sich nach drei Tagen wieder schließt, wenn das Flugzeug mitten über dem Pazifik ist. Wolken ziehen auf, die Sonne reicht nicht, um die Batterien zu laden, und wir müssen abbrechen. Der Pilot würde überleben. Verlieren würden wir das Flugzeug und mit ihm die jahrelange Arbeit eines ganzen Teams. Aber wir wussten von Anfang an: Wäre die Mission eine einfache, jemand hätte anders sie schon vollbracht.

Fünf Tage und Nächte ohne Schlaf scheint bei der Pazifiküberquerung die große Herausforderung für den Piloten zu sein. Ihr Kollege André Borschberg wird für diese Etappe das Cockpit übernehmen. Den Simulationsflug haben Sie beide absolviert. Als Psychiater, was ist Ihr Rezept gegen tagelangen Schlafentzug?
Ja, André und ich haben einer nach dem anderen eine 72-stündige Flugsimulation in einem Modell von Solar Impulse absolviert, um den Schlafentzug zu trainieren. Meine Methode als Psychiater ist Selbsthypnose; André setzt auf Yoga.

Wird es nicht irgendwann langweilig bei 72 Stunden in einem Flugsimulator?
Das dachte ich auch erst. Doch als die Simulation startete, wusste ich, das wird Spaß machen, es ist eine faszinierende Herausforderung. Statt nur an die Zukunft zu denken und die Stunden zu zählen habe ich mich ganz auf den gegenwärtigen Moment konzentriert, auf eine Sekunde nach der anderen. 40 Leute im Überwachungsraum haben mich genauestens beobachtet. Ich hatte Elektroden auf dem Kopf, auf der Brust, ständige Blutdruckmessungen und Wahrnehmungstests. Ich bin so froh, dass ich diesen Test gemeistert habe.

So lange man in seiner Komfortzone ist, kann man so etwas unmöglich erreichen. Wenn ich zuhause bin beispielsweise, brauche ich meine zehn Stunden Schlaf, brauche Stille und Dunkelheit, um zur Ruhe zu kommen. Im Flugzeug war es hell, im Hintergrund war Lärm, und ich konnte trotzdem entspannen und regenerieren. Das ist die Magie von Abenteuer: Gewohnheiten und Gewissheiten hinter sich lassen und etwas völlig Neues entdecken.

Ihr bislang spektakulärster Rekord war die Nonstop-Weltumrundung in einem Heißluftballon. Sie scheiterte im ersten Anlauf, weil Ihnen der Brennstoff ausgegangen war. War das eine Motivation, sich für das nächste Abenteuer lieber auf erneuerbare Energie zu verlassen?
Selbst als wir 1999 die Umrundung beendet hatten - zwanzig Tage Nonstop, 45.000 Kilometer -, fürchteten wir jeden Tag, uns könnte der Treibstoff ausgehen. Der Wind war ruhig und wir brauchten zwanzig statt der geplanten 16 Tage. Als wir schließlich gelandet sind, waren von den 3.700 nur noch 30 Kilo Kerosin über. Das war für mich der Moment, in dem ich beschloss, dass ich nicht mehr in Abhängigkeit von Benzin fliegen will. In diesem Moment war die Idee für Solar Impulse geboren.

Kommentare zu " Solarflieger Bertrand Piccard: „Das ist die Magie von Abenteuer“"

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  • Die Erneuerbaren Energien können kein Oel, Gas, Kohle und erst recht nicht das Uran ersetzen!
    Das ist FAKT!
    Dieser Solarflieger braucht eine 5 Köpfige Crew, die im Linienflug (Konventionelles Flugzeug) hinter her fliegt, um diesen Solarflieger wieder in die Luft zu bekommen. Sturm und Unwetter sind für diesen Solarflieger lebensgefährlich. In Japan musst dieser ach so tolle Solarflieger auf besseres Wetter (Zeiten) warten. Solarfliegen ist kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt.

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