Bad Energy
Der Staat wird zum Ausputzer für Energie

Durch die Stilllegung von Kernkraftwerken und die Privilegien für Ökostrom ist eine Interventionsspirale entstanden. Experte Heinz-Jürgen Schürmann erwartet, dass weitere staatliche Energiepuffer notwendig werden.
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Die Energiewende ist ein Experiment ohne Erfahrungswissen. Noch ist offen, wie teuer die Umstellung der deutschen Stromversorgung auf erneuerbare Energien am Ende volkswirtschaftlich wird. Dass die Verbraucher für ihre Elektrizitätsbezüge wesentlich mehr als früher bezahlen müssen, ist unbestritten. Unklar bleibt hingegen, ob energieintensive Branchen hierzulande dauerhaft überleben können.

Doch noch wesentlich ernster ist die Lage der deutschen Kraftwerksbetreiber bereits jetzt. Nicht nur die vier großen, ehemals vertikal über alle Marktstufen integrierten Energiekonzerne - Eon, RWE, Vattenfall, EnBW - stehen wegen der Risiken mit dem Rücken zur Wand, sondern auch viele Stadtwerke stellen fest, dass ihre Gas- und Kohlekraftwerke unwirtschaftlich geworden sind. Installierte Anlagen werden stillgelegt, neue nicht mehr gebaut.

Angesichts der expandierenden Beiträge durch Photovoltaikanlagen und Windkraftwerke können konventionelle Stromproduktionsstätten immer weniger ausgelastet werden. Nur fällt der Ökostrom unregelmäßig an; es müssen Kohle- und Gaskraftwerke auch längerfristig als Ausgleichspuffer bereitstehen. Hinzu kommt, dass die Infrastruktur der Stromtransporte überhaupt nicht auf die neuen Schwerpunkte der Ökostromerzeugung - Windkraft im Norden, Photovoltaik im Süden Deutschlands - ausgerichtet ist. Und wirtschaftliche Speicherkapazitäten in größerem Umfang existieren bisher nicht.

Vor dem Hintergrund der unwirtschaftlich gewordenen historischen Stromproduktionsstrukturen stellt sich die Gretchenfrage, auf welche Weise in Zukunft genügend Reservekapazitäten an Kohle- und Gaskraftwerken am Netz gehalten werden können. Es spricht einiges dafür, dass weitere staatliche Energiepuffer notwendig sind. Die angeordnete Stilllegung von Kernkraftwerken und die Privilegien für Ökostrom haben auf den Märkten ein Chaos verursacht, das nun eine Interventionsspirale verursacht.

Dem Staat wächst die Aufgabe zu, für die künftig weiter notwendigen Kapazitätsreserven von Kohle- und Gaskraftwerken zu sorgen. Die radikalste Lösung wäre eine Lösung wie im Bankensektor mit der Einrichtung von "bad banks".

Die unwirtschaftlichen Gas- und Kohleanlagen würden dann aus den Unternehmen als "bad energy" ausgegliedert. Im Idealfall könnten diese Teile an der Börse verwertet werden - interessant ist das für hochspekulative Anleger, die auf neue Verknappungen mit Strompreissteigerungen setzen. Oder der Staat übernimmt angesichts der strategischen Bedeutung von Kohle- und Gaskraftwerken für die Sicherheit der Stromversorgung - hier gilt das Kriterium der Systemrelevanz wie im Bankensektor - die "bad energys" gleich selbst. Das wäre zweifellos eine teure Lösung, denn der Staat erweist sich in der Regel als schlechter Unternehmer.

Der Autor ist Herausgeber des Energie-Informationsdienstes.

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