China
Massiver Ausbau der Atomkraft besorgt Experten

China setzt auf den massiven Ausbau der Atomkraft. Doch mit der steigenden Zahl neuer Meiler werden auch die Zweifel an der Sicherheit der Anlagen größer. Nuklearexperten beklagen ein erhöhtes Unfallrisiko.
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PekingEin durchschnittlicher Tag in Peking liefert viele gute Argumente für die Kernenergie. Der Smog, der Chinas Hauptstadt einhüllt, kommt zum größeren Teil von den Kohlekraftwerken der Nachbarprovinzen. Der Strombedarf des Landes steigt unterdessen weiter steil an. China baut daher ein Kernkraftwerk nach dem anderen. Derzeit befinden sich 27 Reaktoren im Bau. Bis 2020 soll die Zahl der Kraftwerke von derzeit 15 auf 71 steigen.

Nahm die Öffentlichkeit den Ausbau bislang klaglos hin, mehren sich zumindest bei Fachleuten die Zweifel an deren Sicherheit. Erstmals hat nun ein Vertreter der Nuklearindustrie öffentlich Bedenken geäußert. „Die ausführenden Baufirmen haben oft nicht immer das gleiche Qualitätsverständnis wie die Regierung und die Ingenieure“, sagte Li Yulun, ein ehemaliger Vizechef des Atomkonglomerats China National Nuclear Corporation (CNNC), bei einem Branchentreffen in Macao.

Die Kritik Lis bezieht sich auf die Arbeit von Baufirmen, die die Anlagen im Auftrag der Betreiber errichten. Pfusch ist in China weitverbreitet - warum sollten Kraftwerke da eine Ausnahme sein? Zwar haben sich die Planer in Peking nach der Katastrophe im japanischen Fukushima entschieden, nur modernste Baupläne zu akzeptieren, die internationale Anbieter wie Areva aus Frankreich oder die japanische Toshiba-Westinghouse anbieten können. Und auch eigene Hersteller sind angewiesen, deutlich höhere Standards einzuhalten als bisher üblich. Doch Branchenveteran Li fürchtet sicherheitsrelevante Mängel vor allem bei der Umsetzung.

Konkret konzentriert sich das öffentliche Interesse derzeit auf ein Leuchtturmprojekt: den Bau des ersten Reaktors vom Typ AP1000 durch Westinghouse bei der westchinesischen Stadt Sanmen. Der AP1000 ist ein Flaggschiff-Modell von Westinghouse. Die hier verwendeten Reaktoren der dritten Generation sollen stärker, wartungsärmer und deutlich sicherer sein als alles, was sonst auf dem Markt ist. Es handelt sich aber auch um eine Weiterentwicklung, die bisher nur wenig erprobt ist.

Nuklearexperte Li fordert nun vor allem, dass Westinghouse und CNNC offenlegen, welche Firma an dem Projekt was und wie baut. „Die Führung in Peking legt großen Wert auf höchste Sicherheitsanforderungen“, sagt Li. Nun sei es Zeit, entsprechend transparenter zu werden. Seine Sorge speist sich auch aus Alltagserfahrungen. Chinesische Baufirmen knapsen immer wieder bei der Qualität, um den Profit hochzutreiben - und das ist zahlreichen Neubauten im Lande anzumerken, die oft wenige Monate nach der Fertigstellung schon bröckeln.

Verdächtig war bisher jedenfalls, wie wenig von langen Verzögerungen und von Beanstandungen bei den Projekten zu hören war. Während Areva beim Bau eines Reaktors vom Typ EPR im finnischen Olkiluoto endlos nachbessern musste (der Abgabetermin hat sich von 2011 auf 2016 verschoben), konnte der Hersteller ein Schwesterprojekt im südchinesischen Taishan glatt durchziehen. Obwohl die Errichtung drei Jahre nach dem Projekt in Finnland begann, soll die Anlage bereits 2014 Energie erzeugen.

Kritiker sehen in dem raschen Hinklotzen so vieler Meiler ein steil steigendes Risiko für einen Unfall. Der Theorie-Physiker He Zuoxiu beispielsweise hält beim derzeitigen Ausbautempo einen schweren Atomunfall bis 2030 für sehr wahrscheinlich. He hat in den 60er-Jahren an der Entwicklung von Chinas erster Atombombe mitgearbeitet. Heute hält er schon die chinesische Grundeinstellung zur Kernkraft für gefährlich: China wolle überall zur Nummer eins aufsteigen und baue daher nun auch mehr Kernkraftwerke als andere Länder. Diese Mentalität des „großen Sprungs nach vorn“ sei typisch für sozialistische Länder - und führe leicht zu einer Überstreckung der technischen Möglichkeiten.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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