Desertec
Mondlandung misslungen

Das Wüstenstromprojekt hätte die Krönung einer großen Vision werden können, doch ohne politischen Anschub geht selbst hierzulande nichts. Desertec hat diese Dimension unterschätzt.
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Der Vergleich ist ja nicht falsch. Desertec, die Industrieinitiative zur Versorgung Europas mit Sonnenstrom aus Nordafrika, sei so etwas wie das amerikanische Apollo-Programm im Weltraum. Den Vergleich zog der ehemalige Siemens-Chef und Unterstützer der Initiative, Peter Löscher. Kühne Visionen, große Euphorie und gewaltige Budgets zeichnen in der Tat beide Projekte aus. Nur, die Amerikaner sind tatsächlich auf dem Erdtrabanten gelandet. Am 20. Juli 1969 setzte die Mondfähre „Eagle“ im „Meer der Ruhe“ auf. Kommandant Neil Armstrong, der als erster Mensch den Mond betrat, sagte den berühmten Satz: „Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit.“

Das werden die Desertec-Initiatoren nie behaupten können. Im Gegenteil: Ihre Vision haben sie jetzt auf dem Jahrestreffen in Rom begraben. Desertec wird als kleine Beratungsfirma überleben, kaum erwähnenswert. Das ist ausgesprochen bedauerlich. Desertec hätte die Krönung einer großen Vision werden können: der Schaffung einer nachhaltigen Energieversorgung als globales Projekt - sozusagen Deutschlands Energiewende als Exportmodell.

Das mag jetzt vielleicht ein wenig übertrieben klingen. Aber die ursprüngliche Idee, Solarstrom in großem Stil in der Wüste zu erzeugen, hatte wirklich das Zeug, als Modell für andere Regionen dieser Welt zu dienen. Wäre es gelungen, vorzeigbare Solarkraftwerke als Gemeinschaftsprojekt europäischer Industriefirmen, internationaler Financiers und beispielsweise nordafrikanischer Staaten zu errichten, hätte die Initiative damit bewiesen, dass und wie nachhaltige Energieversorgung gehen könnte.

Schwellenländern etwa wäre demonstriert worden, dass sie die Phase der ökologischen Probleme durch fossile Energieerzeugung mit Kohle, Öl und Erdgas weitgehend hätten überspringen können. Und zwar mit technischem Know-how und der finanziellen Kraft europäischer Unternehmen.

Da wäre es kaum ins Gewicht gefallen, dass schon kurz nach dem Start von Desertec im Jahre 2009 der Plan, in der Wüste erzeugten Strom über Tausende von Kilometern nach Europa zu transportieren, fallen gelassen wurde. Auch das ist sicher eine ehrgeizige und interessante technische Herausforderung, es ist aber eine Idee, die vielleicht erst zu späteren Zeiten hätte realisiert werden können.

Wenn Desertec von vornherein auch als Experimentierfeld für neue, vor allem technisch noch unbekannte Wege gesehen worden wäre, dann hätten sich die Initiatoren vielleicht auch so manche Querelen ersparen können. Denn der Richtungsstreit unter den Gesellschaftern dürfte einer der Gründe dafür sein, dass die Initiative sich nach nur fünf Jahren selbst zerlegt hat. So schnell hat das vermutlich noch kein großes Konsortium geschafft. Und Desertec zählte zweifellos zu den ganz großen Projekten. Schon zu Beginn standen Investitionssummen von bis zu 400 Milliarden Euro im Raum.

Nun gibt es meist nicht nur eine Hürde, an der Visionäre scheitern. Dass Frankreich beispielsweise parallel angekündigt hatte, eine eigene, vergleichbare Initiative zu starten, hat der Sache sicherlich nicht gedient. Zugleich zeigte es aber, dass das in Deutschland gestartete Projekt von vornherein viel zu national angelegt war. Wenn schon die Europäische Kommission die paneuropäische Energiewende ausruft, ist es geradezu grotesk, dass nationale Initiativen in Deutschland oder Frankreich ihr Eigenleben fristen.

So lässt sich nicht übersehen, dass die mangelhafte politische Flankierung einer der entscheidenden Konstruktionsfehler von Desertec war - und zwar von Anbeginn. Solarkraftwerke in solchen Dimensionen lassen sich in Staaten wie Ägypten oder Marokko nun einmal nicht planen und bauen ohne die ganz enge Einbindung des Staates. Desertec ist nicht an den Folgen des arabischen Frühlings gescheitert, der in vielen Ländern Hoffnungen auf ein sicheres Investment begrub - vorerst jedenfalls. Desertec hat von Anfang an die politische Dimension seiner Geschäfte unterschätzt.

Daraus abzuleiten, nur der Staat sei in der Lage, solchen industriellen Visionen auch zum Erfolg zu verhelfen, wäre allerdings falsch. Die Erfahrungen im eigenen Land hätten allerdings Warnung genug sein sollen. Denn auch hierzulande findet der Umbau von der fossilen zur regenerativen Energiewirtschaft nicht ohne politischen Anschub statt. Warum sollte das ausgerechnet in Ländern anders sein, die teilweise noch auf gigantischen Erdgas- und Erdölvorräten sitzen? Dieser Konstruktionsfehler ist nicht mehr zu reparieren. Desertec hätte die Fortsetzung eines nationalen Projekts auf internationaler Ebene sein können. Aber das ist vorbei.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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