Deutsche und Russen fördern Gas
Keine Eiszeit in Sibirien

Von der neuen Kälte in den russisch-deutschen Beziehungen ist zumindest im eisigen Sibirien nichts zu spüren. In Nowy Urengoi am Polarkreis fördern Deutsche und Russen gemeinsam Gas. Stören dabei die Sanktionen?
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Nowy UrengoiDie Feuer auf den Gasfeldern im hohen Norden Russlands leuchten fast stärker als die Wintersonne, die sich in der dunklen Jahreszeit kaum über den Horizont erhebt. Die von der Zivilisation abgeschotteten Gasfelder nahe der Stadt Nowy Urengoi versinken dank des leuchtenden Schnees nicht ganz in der Dunkelheit.

Überall in der weiten Landschaft stehen Bohrtürme und Anlagen zur Gasaufbereitung. In Nowy Urengoi, der Gashauptstadt des Riesenreichs, fördern Russen gemeinsam mit Deutschen „Wärme für Europa“ - fernab der politischen Eiszeit zwischen Berlin und Moskau.

In der Tundra mit ihrem Permafrostboden mag sich so recht niemand ausmalen, wohin die westliche Sanktionspolitik gegen Russland noch führen wird. „Wir befassen uns nicht mit Politik“, sagt Oleg Ossipowitsch. Er ist Generaldirektor beim Gasproduzenten Achimgaz, einem deutsch-russischen Gemeinschaftsunternehmen. „Wir haben hier andere Probleme und viele Aufgaben, die wir gemeinsam erfüllen müssen“, sagt Ossipowitsch. Er meint auch den klirrend kalten Winter.

Sinken die Temperaturen hier unter minus 40 Grad Celsius, droht Stillstand. Nicht nur Kinder können sich dann über Schulfrei freuen, weil die Schulbusse sicherheitshalber in den Depots bleiben. Auch auf den Gasfeldern ist die Gefahr groß, dass die Technik bei zu großer Kälte versagt.

An diesem klaren Dezembertag laufen die Arbeiten bei minus 38 Grad Celsius. Knapp eine Stunde dauert die Fahrt von Nowy Urengoi zu den bewachten Produktionsanlagen. Für Auswärtige ist die gesamte Urengoi-Region nur mit einer Einreisegenehmigung zugänglich, der Zutritt zum Gasfeld von Achimgaz selbst mit einem Sonderausweis.

An dem Unternehmen ist auf deutscher Seite die Wintershall Holding GmbH aus Kassel zur Hälfte beteiligt. Die BASF-Tochter ist Deutschlands größter international tätiger Erdgas- und Erdölförderer.

Auf russischer Seite führt Gazprom Dobycha Urengoi die Geschäfte, eine Tochter von Russlands Energieriesen Gazprom und größter Gasproduzent der Welt. Auch über eine Städtepartnerschaft sind Kassel und der Ort nahe dem nördlichen Polarkreis eng miteinander verbunden.

Das Leben im rauen Klima, wo jeder auf jeden angewiesen ist, lässt kaum Platz für Feindschaften. An der Bohranlage 27 in den Weiten des Urengoi-Feldes leben Arbeiter aus der Ukraine, aber auch aus Südamerika in einer Containersiedlung mit Gemeinschaftsräumen und Banja, einer Dampfsauna. „Das Leben hier ist hart, aber man gewöhnt sich daran. In der Containersiedlung entsteht schon so etwas wie eine familiäre Atmosphäre“, erzählt der Wachmann Abdullah.

Der 46-Jährige arbeitet in der Tundra, um seine Familie mit vier Kindern in der zentralasiatischen Ex-Sowjetrepublik Usbekistan zu versorgen. 30 000 Rubel (rund 430 Euro) bekommt er im Monat - viel Geld in seiner Heimat. Die anderen - er meint die russischen Kollegen - hätten aber bessere Jobs mit höheren Einkommen, sagt Abdullah. Dass sie alle nun wegen des rasanten Rubel-Verfalls immer weniger Dollar kaufen können, drückt freilich gerade die Stimmung in der Kommune.

Rund 320 Menschen arbeiten bei Achimgaz. An seinen deutschen Kollegen schätzt Unternehmenschef Ossipowitsch vor allem, dass sie technische Ausrüstung mitbringen, im Management und in der Buchhaltung aktiv sind. Noch gebe es keine Auswirkungen der auch von Deutschland im Ukraine-Konflikt mit vorangetriebenen Sanktionen gegen Russland, sagt der Manager.

Trotz der politisch schwierigen Zeiten sei die Zusammenarbeit „freundschaftlich“, meint auch sein Kollege Ingo Neubert. Der Physiker ist seit 2011 Vizechef bei Achimgaz. Aus 4000 Metern Tiefe - einer Bodenschicht mit dem Namen Atschimow-Formation - fördert das Unternehmen Gas und Kondensat.

„Das Bohren ist nicht trivial“, erklärt Neubert am Bohrturm 27. Eine halbe Million Euro pro Tag kosten die Arbeiten in diesem Boden, der gepachtet ist. Im Winter, aber auch im Sommer, wenn der Grund sumpfig ist, kommt der Aufbau der Infrastruktur schwer voran. Nur eineinhalb bis zwei Stunden am Tag scheint die Sonne im Winter - anders als in den weißen Nächten im Sommer, wenn sie gar nicht untergeht.

37 Bohrstellen hat Achimgaz aktuell in Betrieb. Bis 2019 sollen es 113 sein mit einer jährlichen Fördermenge von rund 8 Milliarden Kubikmeter Gas, etwa viermal so viel wie jetzt. Auch andere Gasproduzenten sind im westsibirischen Urengoi, einem der größten Erdgasfelder der Welt, zugange - eine Welt für Industrieromantiker mit unzähligen Rohren, Kompressoren und Ventilen. Über die Ferngasleitung fließt die Energie nach Europa.

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