Energie
Die lange Leitung nach Bayern

Auf der Stromautobahn von Nord nach Süd wird die deutsche Energiewende ausgebremst. Es fehlt an neuen Trassen und Betreiber Tennet warnt vor unterschiedlichen Strompreisen.
  • 3

München, BerlinLex Hartman erzählt dieser Tage gern einen Witz. Eines Tages würden Geologen in der Nähe von München ein Schild mit der Aufschrift „BMW“ finden. Die Kinder würden sich darüber wundern: Schließlich seien die „Bremer Motoren Werke“ doch ganz woanders angesiedelt.

Noch ist es nicht so weit, dass energieintensive Betriebe aus Bayern in den Norden umziehen müssen. Doch wenn die notwendigen Stromautobahnen von Nord nach Süd nicht bald gebaut werden, ist Tennet-Vorstand Hartman überzeugt, könnte es bald für Strom zwei unterschiedliche Preiszonen in Deutschland geben. „Wenn es Marktgrenzen gibt, muss darauf reagiert werden.“

Der Tennet-Manager hatte sich bei seinem Auftritt in München quasi auf feindliches Terrain begeben. Denn es ist vor allem der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der beim Bau der neuen Stromtrassen bremst. Seehofers Motive sind in weiten Teilen unklar. Zu Jahresbeginn hatte es noch geheißen, Seehofer wolle das Thema für den bayerischen Kommunalwahlkampf nutzen und beim Wähler punkten, indem er die weitverbreiteten Bedenken in großen Teilen der Bevölkerung aufgreift. Doch die Wahl war im März, Seehofer aber ist seinem Blockadekurs treu geblieben.

Der Ministerpräsident hat unter anderem Bedenken gegen den 800 Kilometer langen SuedLink, der eine der Hauptschlagadern der Energiewende werden soll. Die Netzbetreiber beschuldigte der CSU-Chef, Hauptmotiv ihrer Trassenplanung sei Profit: „Kapitalsammelstellen“ seien diese. Allerdings erfüllen die Netzbetreiber ihren gesetzlichen Auftrag zum Netzausbau, festgeschrieben im Bundesbedarfsplangesetz, das von Bundestag und Bundesrat abgesegnet wurde. Auch „SuedLink“ ist Bestandteil des Bundesbedarfsplangesetzes.

Tennet weist darauf hin, Bayern werde in zehn bis zwölf Jahren zu mindestens 30 Prozent abhängig sein vom Strom aus anderen Bundesländern. Deutschland laufe die Zeit davon. „2022, wenn die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen, müssen die Trassen stehen, um Engpässe auszugleichen“, warnt Tennet-Chef Hartman.

Seehofer will aber erst mal einen drei- bis viermonatigen Dialog mit der Bevölkerung führen. Der bayerische Ministerpräsident hatte sich diese zusätzliche Bedenk- und Dialogzeit vergangene Woche bei einem Treffen mit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) ausbedungen. Im Berliner Wirtschaftsministerium hat zwar niemand Verständnis für Seehofers Kurs. Gleichwohl will man die Auseinandersetzung mit dem machtbewussten Bayern nicht auf die Spitze treiben.

Allerdings sind gerade die Bayern auf einen raschen Netzausbau angewiesen. Mit Grafenrheinfeld und Gundremmingen gehen in dem Bundesland in den nächsten Jahren weitere Atomkraftwerke vom Netz, es fehlen zunehmend die Stromerzeugungskapazitäten. Den Ausgleich sollen die geplanten Leitungen schaffen. Denn im Norden Deutschlands gibt es Strom im Überfluss, nicht zuletzt wegen des rasanten Ausbaus der Windkraft an Land und künftig auch auf hoher See. Doch die existierenden Leitungskapazitäten sind zu schwach, um den Süden Deutschlands aus dem Norden zu versorgen. Das sollen Tennet und die anderen drei Übertragungsnetzbetreiber mit dem Bau der neuen Stromautobahnen ändern.

Trotz der neuen Verzögerung, die die Bayern durchgesetzt haben, zeigt sich auch Tennet weiter gesprächsbereit. „Wir sind Weltmeister im Dialog“, drückt es Hartmann aus. Allerdings wachse mit jeder Verzögerung die Gefahr für die Versorgungssicherheit. „Wenn das System überlastet ist, und dann kommt ein Problem dazu, dann wird es dunkel.“

Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München
Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%