Energieeffizienz
Der ignorierte Hebel

Die Politik scheut vor den vielen notwendigen Einzelmaßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz zurück. Doch sie muss das Thema endlich angehen. Das Einsparpotenzial in der industriellen Produktion ist enorm.
  • 11

Die Energiewende hat drei Ziele: Klimaschutz - Wirtschaftlichkeit - Versorgungssicherheit. Beim ersten Ziel, dem Klimaschutz, wurde mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien auf 70 Gigawatt (GW) für Wind und Photovoltaik einiges erreicht.

Das ist eine Leistung, die eigentlich an den meisten Tagen zur Versorgung ausreichen würde. Tut sie aber nicht. Weil die Sonne nicht immer scheint und der Wind nicht immer bläst. Also müssen konventionelle Kraftwerke die Lücke schließen. Kritisch war die Situation zum Beispiel am 13. März 2014: Von den 70 GW war an diesem Tag jeweils frühmorgens und abends praktisch nichts verfügbar. Da wir aber 24 Stunden am Tag mit Strom versorgt sein wollen, heißt das, dass wir die gleiche Leistung, wie sie die erneuerbaren Energien bringen könnten, auch aus konventionellen Kraftwerken bereithalten müssen.

Diese arbeiten dann auf Teillast äußerst unwirtschaftlich, was zu einer kritischen Lage bei den Stromversorgern geführt hat. Dass jetzt eine Vergütung für eine notwendige Kapazitätsreserve gefordert wird, erscheint logisch. Dass dies den Strompreis zusätzlich erhöhen wird, auch. Auf der anderen Seite wird an manchen Tagen erheblich mehr Strom aus erneuerbaren Quellen produziert, als wir brauchen. Dann zahlen wir Geld dafür, dass uns dieser überschüssige Strom vom Ausland abgenommen wird. Und damit sind wir vom zweiten Ziel, der Wirtschaftlichkeit, weit entfernt.

Im Jahr 2013 lieferten die erneuerbaren Energien in Deutschland einen passablen Anteil von 23 Prozent am verbrauchten Strom. Das bedeutete eine fast 50-prozentige Ausnutzung der Kapazität. Aber diese Zahl gilt eben nur im Durchschnitt des Jahres. Wenn jetzt konventionelle Kraftwerke abgeschaltet werden, ist das dritte Ziel, die Versorgungssicherheit, infrage gestellt.

Infografik Wie Energie sich speichern lässt



Eine Verbesserung der Situation kann zwar durch intelligentes Lastmanagement, also durch Optimierung im Netz, erreicht werden, aber eine echte Lösung des Problems wird es nur geben, wenn es gelingt, erneuerbaren Strom zu speichern, so dass er je nach Bedarf abrufbar ist. Das ist die größte Herausforderung der Energiewende, und sie wurde bislang nur zögerlich angegangen.

Die Entwicklung von Speichertechnik wird Zeit brauchen. Bis dahin sollte man sich dringend um die zweite Säule der Energiewende kümmern: die Energieeffizienz. Denn, so schreibt das Bundesumweltministerium, "die Philosophie der Energiewende besteht schlicht und einfach in dem weitgehenden Verzicht auf tradierte Energieträger und Energieversorgungsstrukturen und stattdessen in der Dominanz von Energieeffizienz und erneuerbaren Energien".

Dafür, dass Energieeffizienz bislang stiefmütterlich behandelt wird, gibt es zwei Gründe: Für die Politik ist das Thema nicht kampagnenfähig, und es gibt nicht den großen Wurf. Es sind unendlich viele Einzelmaßnahmen zu ergreifen.

Was in größerem Maßstab erreicht werden kann, zeigt folgende Zahl: In der industriellen Produktion, die knapp 40 Prozent des Energiebedarfs und über 40 Prozent des Stromverbrauchs ausmacht, ließen sich bis zu 30 Prozent einsparen. Das wären etwa 60 Terawattstunden, was etwa der Hälfte des Stromverbrauchs der privaten Haushalte in Deutschland entspricht. Bei der energetischen Gebäudesanierung gelten ähnliche Werte.

Die Politik muss das Thema Energieeffizienz endlich auf die Agenda setzen. Viele fordern das, zuletzt ein Bündnis aus Industrievereinigungen, Umwelt- und Sozialverbänden und Gewerkschaften. Wir brauchen eine klare und detailbewusste Gesetzeslage, die genau definiert, wie Energie- effizienz auf Basis der eingesparten volkswirtschaftlichen Kosten belohnt wird. Sei es über steuerliche Sonderabschreibungen, eine branchenspezifische Förderung für Energieeffizienzmaßnahmen, die Übernahme von Beratungskosten oder unbürokratische Finanzierungshilfen.

Ohne Energieeffizienz ist die Energiewende in einem überschaubaren Zeitraum und zu wirtschaftlich tragbaren Bedingungen nicht zu schaffen. Energieeffizienz allein ist nicht die endgültige Lösung, wenn wir fast alles auf erneuerbare Energien umstellen wollen. Sie ist aber eine notwendige Überbrückungsstrategie. Wenn wir hier nichts machen, landen wir mit der Energiewende in einer Sackgasse.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%