Energieversorgung
Vertrauen in Russlands Liefertreue schwindet

Das Energiebarometer des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung belegt wachsende Zweifel. Fachleute sehen allerdings noch keine akute Gefahr für die Versorgung mit Gas und Öl aus Russland.
  • 14

BerlinDie Zweifel an der Zuverlässigkeit russischer Energielieferungen wachsen. 59 Prozent der vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) befragten Energieexperten in Deutschland geben an, ihre Einschätzung der Verlässlichkeit Russlands habe sich angesichts der Ereignisse der vergangenen Wochen leicht oder gar stark verschlechtert. Das ist das Ergebnis des ZEW Energiemarktbarometers, das dem Handelsblatt vorliegt. Für das Energiemarktbarometer werden halbjährlich 200 Energieexperten aus Wissenschaft und Praxis befragt.

In Frankreich ist die Skepsis größer: In den Augen von 76 Prozent der Experten jenseits des Rheins hat sich die Verlässlichkeit der Russen leicht oder gar stark verschlechtert. Das ergibt ein Expertenpanel der Grenoble Ecole de Management, das in enger Abstimmung mit dem ZEW durchgeführt wurde.

Die große Mehrheit der vom ZEW Befragten rät dazu, die Abhängigkeit von russischem Gas zu reduzieren. Aus Sicht von 88 Prozent der Befragten ist die Steigerung der Energieeffizienz ein Schlüssel zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit, nur 18 Prozent empfehlen die Nutzung der Kernenergie.

69 Prozent der Befragten raten dazu, den Ausbau der Infrastruktur für die Versorgung mit Flüssiggas (LNG) zu forcieren. Deutschland bezieht Erdgas ausschließlich über Pipelines und verfügt über keine LNG-Terminals. Sie sind erforderlich, damit Flüssiggastanker abgefertigt werden können. Belgien, Frankreich, Spanien und die Niederlande haben eigene LNG-Terminals. Flüssiggasexporteure sind Länder wie Katar, Indonesien und Malaysia.

61 Prozent der Befragten raten dazu, Pipelines im EU-Ausland auszubauen. Der Hintergedanke: Ein Zusammenwachsen des EU-Gasmarktes über einen Ausbau des Pipelinesystems könnte die Abhängigkeiten einzelner Länder reduzieren. Die EU fördert entsprechende Projekte.

Der Anteil Russlands an den deutschen Erdgasimporten liegt bei rund 40 Prozent. Davon fließt rund die Hälfte durch ukrainische Leitungen in Richtung Europa.



Eine akute Gefahr für die Versorgung mit Gas und Öl aus Russland sehen Fachleute im Moment allerdings noch nicht. "Die Sorge, dass auch Gas- oder Öllieferungen von russischen Sanktionen betroffen sein könnten, ist nach meiner Überzeugung im Moment nicht berechtigt", sagte DIHK-Außenhandelsexperte Tobias Baumann dem Handelsblatt. "Die Gaslieferungen sind in langfristigen Verträgen geregelt und mit hohen Investitionen in Gaspipelines verbunden. Russland ist auf die Einnahmen dringend angewiesen", sagte Baumann. Das gelte auch für das Ölgeschäft. "Der Ölpreis bildet sich zudem am Weltmarkt. Russland kann beim Öl keine Preise diktieren."

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%