Energiewende à la française In Frankreich hat es sich ausgestrahlt

Das zögerliche Vorgehen Hollandes bei der Kernenergie wirkt auf den ersten Blick solider als der überstürzte deutsche Beschluss. Doch das behäbige Tempo der Regierung bringt nichts, weil auch in Frankreich die Uhr tickt.
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Atomkraftwerk in Frankreich: Das Land lässt sich mit der Energiewende gehörig Zeit. Quelle: AFP

Atomkraftwerk in Frankreich: Das Land lässt sich mit der Energiewende gehörig Zeit.

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Wer hätte das für möglich gehalten? Frankreich fährt behutsam seinen Nuklearsektor zurück. Wurde der angeblich so billige Atomstrom noch vor zwei, drei Jahren als großer Wettbewerbsvorteil verkauft, geht die Regierung nun realistischer an den in die Jahre gekommenen Nuklearpark heran. Am Wochenende hat sie das Ziel bekräftigt, den Beitrag zur Stromerzeugung bis 2025 von 75 auf 50 Prozent zu senken. Vorsichtig in einer Rede versteckte Premier Jean-Marc Ayrault zudem eine Ankündigung, die noch vor kurzem unmöglich gewesen wäre: Die abgeschriebenen Kernkraftwerke sollen durch eine spezielle Abgabe zur Finanzierung der Energiewende beitragen.

Das erinnert an deutsche Versuche, die Supergewinne der Versorger aus ihren abgeschriebenen Altanlagen abzuschöpfen. Der große Unterschied ist, dass es in Frankreich indirekt den Staat selber trifft, der noch immer Hauptaktionär des Energieriesen EDF ist.

Wer erwartet, die französische Regierung hätte Lehren aus dem deutschen Gestolpere in der Energiepolitik gezogen, sieht sich getäuscht. Ähnlich wie in Deutschland ist auch in Frankreich der Umstieg auf eine sichere und umweltverträgliche Energieversorgung ein Spiel mit vielen Unbekannten.

Immerhin: Das Ziel ist seit dem Wochenende klar. Bis 2050 will Staatspräsident François Hollande den Ausstoß von klimaschädigenden Gasen auf ein Viertel verringern. Doch der Weg dahin liegt im Nebel. Hollande, seit knapp anderthalb Jahren im Amt, nennt die Energiewende zwar "eines der wichtigsten Projekte der ganzen Legislatur", doch er lässt sich ungeachtet dieser Priorität gehörig Zeit damit.

Über Monate ist nun eine "nationale Debatte über die Energiewende" geführt worden. Ergebnis sind viele gute Prinzipien und Handlungsoptionen, aber wenig Konsens oder gar eindeutige Orientierung in den harten Fragen. Ein Beispiel: Als eine der Prioritäten wird der Netzausbau genannt. Dabei gibt es schon heute in der Bretagne und in Südostfrankreich im Winter erhebliche Versorgungsprobleme durch Netzüberlastung. Werden die geplanten großen Windparks vor der bretonischen und normannischen Küste angeschlossen, dürften sich die Probleme verschärfen. Eine Lösung dafür sucht man im Abschlussdokument der nationalen Debatte vergeblich.

Auch in Frankreich tickt die Uhr

Infografik Woher kommen die Rohstoffe für deutsche Energie?



In den nächsten Monaten sollen Parlament und Umweltminister erst einmal weiter diskutieren. Erst Ende 2014 will Hollande die gesetzliche Grundlage festzurren. Das bedeutet: Noch ein volles Jahr müssen die Versorger mit erheblicher Unklarheit über die Rahmenbedingungen leben und kommt die Energiewende nicht voran. Die Verzögerung ist unverständlich, weil beispielsweise längst ein ehrgeiziges Programm für die Wärmedämmung hätte gestartet werden können. Doch weil die Regierung sich nicht traute, durch Einsparung an anderer Stelle nötige Fördergelder freizuschaufeln, wird erst jetzt der Rahmen dafür abgesteckt.

Das zögerliche Vorgehen Hollandes wirkt auf den ersten Blick solider als der überstürzte deutsche Beschluss, aus der Kernenergie auszusteigen. Doch das behäbige Tempo der Regierung bringt nichts, weil auch in Frankreich die Uhr tickt. Die Atommeiler sind mehrheitlich überaltert. Wie in Deutschland führen strengere Aufsicht und neue Technik zu steigenden Modernisierungskosten. Der Strompreis steigt bereits abrupt. Selbst wenn man die hohen Sanierungsaufwendungen in Kauf nähme, ließe sich das Ende der besonders greisen Atomkraftwerke nicht über 40 oder maximal 50 Jahre hinauszögern.

Neue Anlagen aber hat Frankreich nicht rechtzeitig in Angriff genommen. Der einzige Neubau in Flamanville fällt durch permanente Verzögerungen und explodierende Kosten auf. Als tragfähige Grundlage der Stromversorgung preist sich Atomstrom selber aus dem Wettbewerb. Genau wie Deutschland verfügt Frankreich zudem über kein atomares Endlager.

Ein indirekter Vorzug mag die geringere Förderung der Erneuerbaren sein. Anders als Deutschland hat unser engster Partner keine vergleichbare Milliardenbelastung seiner Konsumenten in Gang gesetzt. Und Hollande verlangt nun sogar eine Straffung der Förderung. Paris hat also größere Spielräume, was den Mix der Erneuerbaren angeht. Zudem kann das Land aufgrund seiner geografischen Vorteile auf Strom aus Meereskraft setzten. Die muss ihre Zuverlässigkeit jedoch noch unter Beweis stellen. Die anspruchsvollen Ziele bei Klimaschutz und Atomkraftrückbau werden sich nur einhalten lassen, wenn die Regierung schneller klärt, wie die künftige Energieversorgung aussehen und finanziert werden soll.

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