Energiewende
Deutschland bleibt allein

Unternehmen und Politik fordern schon seit langem eine bessere Abstimmung der europäischen Energiepolitik. Dabei soll ein Fahrplan helfen. Doch die Planung der EU beruht auf veralteten Daten, behauptet eine Studie.
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DüsseldorfDas Milliardengrab befindet sich am Fuße eines 70 Meter hohen Granitfelsens an der französischen Westküste. Dort baut Frankreichs Stromversorger Électricité de France (EdF) seit acht Jahren den Atomreaktor Flamanville. Die Kosten des EPR, eines verbesserten Druckwasserreaktors, wurden bei Baubeginn mit 3,3 Milliarden Euro angegeben. Mittlerweile haben sie sich fast verdreifacht. 8,5 Milliarden Euro müssten nun veranschlagt werden, hieß es Ende vergangenen Jahres – der Meiler ist bereits unrentabel, bevor er ans Netz geht.

Laut einem Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), der am heutigen Mittwoch in Berlin veröffentlicht wurde, ist Flamanville nur ein Beispiel für eine verfehlte europäische Energiepolitik – und die falsche Berechnung der Kosten der Energieträger.

Die EU stütze sich immer noch zu sehr auf die Rolle der Atomkraft bei der Energieversorgung, lautet der Vorwurf der Wissenschaftler. So verwende sie in ihrem Grünbuch Energie, das als Basis für einen möglichen europäischen Fahrplan zum zukünftigen Strommix dient, längst überholte Daten. Der drastische Kostenverfall bei den erneuerbaren Energien werde nicht berücksichtigt, dafür unterschätze man die Kosten der Kernkraft, klagt das DIW. „Es ist unerlässlich, dass diese Daten aktualisiert und nachvollziehbar veröffentlicht werden“, heißt es in der Studie. So sei bei einer Kostenschätzung für die Atomanlage Flamanville im Jahr 2006 noch von 1500 Euro pro Kilowatt die Rede gewesen, heißt es in der Studie. Diese seien zwischenzeitlich auf 4500 Euro pro Kilowatt (Mitte 2008) und neuerdings auf 5100 Euro pro Kilowatt (Dezember 2012) gestiegen.

Deutschland scheint allein im Bemühen um den Ausbau der erneuerbaren Energien – eine gemeinschaftliche Energiepolitik fehlt. Die Forderungen nach einer europäischen Abstimmung der Energieversorgung werden immer lauter.

„Es wird keine deutsche Energiewende geben, wenn sie nicht eingebettet ist in eine vorwärtsweisende europäische Energiepolitik“, sagt Hildegard Müller, Vorsitzende des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft BDEW. Auch die europäischen Energieversorger sind besorgt. Ende Mai richteten die Chefs von acht europäischen Unternehmen einen Appell an die Politik: „Fakt ist, dass fehlende langfristige Perspektiven und regulatorische Unsicherheiten unweigerlich zu ausbleibenden Investitionen im Energiesektor führen werden“, hieß es in der gemeinsamen Erklärung. Das werde sich negativ auf Versorgungssicherheit, Beschäftigung und Wiederbelebung der europäischen Wirtschaft auswirken. Auch der BDI fordert eine „stärkere Fokussierung auf die Vollendung des Energiebinnenmarktes“.

Eine bessere europäische Abstimmung könnte auch zu hohen Kostenentlastungen führen, etwa durch grenzüberschreitenden Stromhandel. „Ein durch Marktkopplung voll integrierter europäischer Stromhandel würde 150 Millionen Euro Wohlfahrtsgewinn pro Jahr schaffen“, sagte Jean-François Conil-Lacoste, Chef der europäischen Energiebörse EPEX, jüngst im Gespräch mit Handelsblatt Online.

Viele Unternehmen halten die Bemühungen bei der Koordination für unzureichend. „Siemens steht hinter der Energiewende“, sagte Siemens-Chef Peter Löscher Anfang Juni. „Jedoch befindet sich das Projekt derzeit an einem kritischen Punkt. Wir brauchen Entscheidungen, die die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes auf lange Sicht erhalten.“ In einem 3-Punkte-Plan fordert der Industriekonzern unter anderem auch eine bessere Koordination der Energieversorgung in Europa. Das wünscht sich auch der Reifenhersteller Continental. Man sei für die Energiewende, heißt es beim Unternehmen. „Aber wir machen uns Sorgen über die in Deutschland schnell steigenden Strompreise, die wir nicht mehr ausgleichen können. Hier bedarf es dringend einer übergreifenden Strategie auf europäischer Ebene. Deutschland kann dies nicht allein stemmen“, sagt Continental-Chef Elmar Degenhart.

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