Energiewende in Brandenburg
Das autarke Dorf

Vor 20 Jahren entstand im brandenburgischen Feldheim die erste Windkraftanlage. Die Einwohner investierten in eigene Strom- und Wärmenetze. Heute ist die Gemeinde energieautark - und rentabel.
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Zur Insel sind es nur noch wenige Baggerschaufeln. Seit einigen Wochen sind die schweren Maschinen angerückt in Feldheim, Brandenburg, 60 Kilometer vor Berlin. Unablässig graben sie sich in die Erde, schaufeln ein Loch für den Energiespeicher. Eine riesige Batterie bauen sie hier, zehn Megawatt stark, um Feldheim im Notfall tagelang mit Strom zu versorgen. Es ist der letzte Baustein im Energienetz des Dorfes. Dann könnten sie sich endgültig abkoppeln vom Rest der Republik - Insel werden im deutschen Stromozean.

Siegfried Kappert zeigt stolz auf das Schild, das vor dem Zaun um das Loch prangt. Feldheim Energie GmbH steht dort. Das kleinste Stadtwerk der Bundesrepublik. "Das gehört uns allen hier", sagt Kappert, ein kauziger Mann in den 70ern, der ehrenamtlich Besucher herumführt. 140 Menschen, 40 Haushalte. Sie alle sind Kommanditisten, erzeugen ihren Strom, ihre Wärme, betreiben ihr eigenes Netz. Ein Energiewende-Wunder und ein kapitalistischer Modellversuch: Wo vor 25 Jahren noch Planwirtschaft herrschte, leben nun ausschließlich Unternehmer. "Bis vor kurzem hatten wir keine Ahnung, was eine GmbH ist", sagt Kappert. "Jetzt gehört uns eine. Das macht mich schon stolz." Begonnen hat alles 1995. Michael Raschemann, damals Student der Ingenieurwissenschaften in Potsdam, reiste durch Brandenburg auf der Suche nach einem geeigneten Standort für ein paar Windkraftanlagen. Feldheim liegt auf einer Erhebung in der Nauener Platte, 150 Meter über null. Die Bauern hatten von Windenergie nicht viel gehört.



Dann kam Raschemanns Angebot: Land wollte er pachten für Jahrzehnte. Er begann sie zu überzeugen, sprach von einem zweiten Standbein für die Genossenschaft, von steten Einnahmen. Irgendwann schlugen die Bauern ein.

Zunächst baute er fünf kleine Windmühlen auf dem Feld. Parallel errichtete Raschemanns Energiequelle in ganz Deutschland mehr und mehr Anlagen. Auch in Feldheim wuchs der Windpark: aus fünf wurden zehn, dann zwanzig, dann dreißig. "Und von jeder Mühle hatten die Bürger etwas", sagt Michael Knape, Bürgermeister von Treuenbrietzen, der Stadt in die Feldheim eingemeindet wurde. "Es wurde ein neuer Sportplatz mit Flutlicht gebaut, neue Straßenlaternen, ein Bushäuschen, Gehwege. Es gab von Anfang an Verträge, so dass was ins Dorf zurückfloss. Damals ging das noch."

Knape glaubt, dass dies das Schlüsselmoment war. So klappte in Feldheim das, woran es gerade im Rest der Republik hapert.

2009 hatten sie 850 000 Euro Fördergelder zusammen, die Hälfte der benötigten Summe. Den Rest, so der Plan, sollten die Feldheimer selbst aufbringen. "Dann kam natürlich die Frage: Wenn wir schon unsere Wärme selbst erzeugen, sollen wir dann nicht auch unseren eigenen Strom nutzen?", sagt Knape. Bislang verkaufte die Energiequelle ihren Strom an der Börse, speiste ihn ins öffentliche Netz ein. Nun wollten die Feldheimer die Energie ihrer Felder direkt nutzen. Sie fragten Eon Edis, den bisherigen Netzbetreiber. Der Energieriese lehnte ab: man habe kein Interesse das Netz zu verkaufen. "Aber der Ort war ja ohnehin schon aufgebuddelt für das Wärmenetz", erklärt Knape. "Da haben wir dann einfach gleich noch ein Stromkabel mit reingeschmissen."

Infografik Wie Energie sich speichern lässt



Drei Bürgerversammlungen brauchte es, um den Plan zu beschließen. Dann waren die Feldheimer überzeugt. Sie gründeten die Feldheim Energie GmbH, die das Netz betreibt: Wer an das Strom- und Wärmenetz angeschlossen werden wollte, legte 3 000 Euro ein. Wer nur eines von beiden wollte, zahlte die Hälfte. Parallel dazu verhandelte Bürgermeister Knape mit den Ministerien. Ein eigenes Wärmenetz konnte man sich in Potsdam noch vorstellen, aber ein eigenes Stromnetz? Die Politik machte Auflagen, wollte eine Holzschnitzelheizung als Back-up, einen Wärmepufferspeicher. Irgendwann gab das Ministerium grünes Licht. Die Feldheimer buddelten, am 28. Oktober 2010 ging ihr eigenes Netz in Betrieb.

Und so kam Siegfried Kappert zu seinem Job als ehrenamtlicher Gästeführer. Inzwischen ist er vom Batteriebauplatz hinübergelaufen ins "Neue Energien Forum". Kapperts ganzer Stolz ist die Gondel des ersten Feldheimer Windrads, die inzwischen im Garten des Zentrums steht. Mit einem geschickten Schlag öffnet er die Luke, klettert hinein, erklärt, wie aus Wind Strom gewonnen wird. "Vor ein paar Jahren hatte ich da noch keine Ahnung von", sagt er. "Heute weiß ich genau, was hinter der Steckdose passiert. Das hätte ich auch nicht geahnt."

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