Energiewende
Lasst den Bürger machen

Die Energiewende muss nicht von oben gesteuert werden. In der Hand der Bürger kann das Mammutprojekt neuen Schwung bekommen. Denn der Konsument ist in den letzten Jahren immer mehr zum Produzenten geworden.
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Die Energiewende ist zwar in aller Munde, doch in der Realität tut sich wenig. Wer glaubt, mit einigen Windparks und Photovoltaik-Anlagen die Wende einzuleiten, der irrt. Unser gesamtes Energieversorgungssystem ist um eine fossile Grundlast herum aufgebaut. Oder anders gesagt: Zentrale Produktionsstrukturen sind auf große Kraftwerke mit hoher Grundlast ausgerichtet. Eine kleinteilige, volatile Energieerzeugung, die völlig ungesteuert von privaten Dächern oder Wiesen eingespeist wird, ist deshalb Gift. Und je mehr es davon gibt, umso größer fallen die Irritationen für die bestehenden Netze aus.

Die Energieversorgungsunternehmen sagen mittlerweile nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand, dass die Energiewende entweder wieder abgeblasen werden muss oder aber die bestehende Versorgungslandschaft grundlegend umzubauen ist. Und am Letzteren haben diese Unternehmen selbstverständlich kein Interesse. Es ist daher auch kein Zufall, dass ausgerechnet Deutschland eine Reform des C02-Zertifikatehandels blockiert und es daher auch weiterhin ökonomisch sinnvoll ist, alte Kohlekraftwerke zu betreiben - als wären wir noch mitten im 19. Jahrhundert.

Das Projekt Energiewende geht daher viel tiefer an die Grundlagen unserer Industriegesellschaft, als uns lieb ist.

Nicht besser sieht es aus bei den Elektroautos, dem anderen großen Innovationsprojekt der Kanzlerin. Wer glaubt, die angekündigte eine Million E-Fahrzeuge im Jahr 2020 sei nur ein erster kleiner Meilenstein, der liegt völlig falsch. Ohne eine massive Änderung der politischen Rahmenbedingungen gibt es weder eine Energie- noch eine Verkehrswende.

Aber muss denn überhaupt alles der Staat machen? Überall sind Menschen unterwegs, die Photovoltaik-Anlagen montieren, die ihre Autos verleihen oder selbst Carsharing betreiben. Der Konsument von Leistungen ist in den letzten Jahren immer mehr selbst zum Produzenten geworden: zum Prosumer. Kann man diese zivilgesellschaftlichen Aktivitäten nicht für den Wandel einsetzen, damit der Strom dort produziert wird, wo man ihn braucht?

Warum kann man nicht überall die Gründung kleiner, schlauer Netze animieren, die keine Vergütung mehr für die unkontrollierte Einspeisung von erneuerbaren Energien bekommen, sondern einen örtlich begrenzten Versorgungsauftrag erhalten - und dafür von allen Umlagen befreit werden und nur noch eine "Stromversicherung" abschließen müssen, wenn Sonne und Wind nicht ausreichen?

Wenn man diese Perspektive einschlägt, dann werden Energiespeicher zu einem großen Thema, und plötzlich erscheinen auch E-Fahrzeuge in neuem Licht. Wenn kleine, schlaue Netze Strom für zehn Cent produzieren, liegen die Kosten für 100 Kilometer bei etwas über einem Euro und machen das Fahren mit dem E-Auto sehr attraktiv. Die hohen Anschaffungspreise lassen sich wirkungsvoll reduzieren, wenn die Fahrzeugflotte Teil der Speicherlandschaft ist und damit die Kosten für die teuren Energiespeicher reduziert. Die Energie- und Verkehrswende wird in der Hand der Bürger plötzlich möglich.

Andreas Knie leitet das Innovationszentrum InnoZ, Weert Canzler forscht am WZB in Berlin.

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