EU und Russland
Energiepolitik als Machtinstrument

Eine westliche Energieallianz wirkt stärker als Sanktionen gegen Russland. Hier können Europäer und die USA ihre Stärke nutzen. Denn Putins System funktioniert nur so lange, wie der Preis für Öl und Gas stimmt.
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Das 8000-Wörter-Telegramm, das zum Drehbuch für den Kalten Krieg werden sollte, ging am 22. Februar 1946 um 15.52 Uhr in Washington ein. Der Verfasser entschuldigt sich gleich zu Beginn für seinen ausufernden Text. Die zu behandelnden Fragen seien jedoch so komplex, dass es unmöglich sei, die Antworten ohne einen „gefährlichen Grad an Pauschalisierung“ zu verdichten. Was folgt, ist eine messerscharfe Analyse des Sowjetsystems, jeder Satz ein Schnitt, mit dem George Kennan, damals „chargé d’affaires“ an der US-Botschaft in Moskau, die Motive und Urängste, die Widersprüche und Schwachstellen der russischen Außenpolitik offenlegt.

Das Telegramm und ein späterer Essay in „Foreign Affairs“ haben Kennan zum Ghostwriter der Truman-Doktrin gemacht. 68 Jahre später, zur Europareise von Barack Obama, lohnt es sich, Kennan wiederzuentdecken, seine Logik des Containments neu zu denken und mit ihr ihre Institutionalisierung durch die Nato und den Marshallplan. Nicht weil der Kalte Krieg zurückkehrt. Sondern weil die Paranoia, von der sich die Sowjetunion treiben ließ, erneut zum Leitmotiv russischer Außenpolitik geworden ist.

Putins Nationalismus liegt eine verzerrte Wahrnehmung zugrunde, die auch die UdSSR befallen hatte. „Hinter der neurotischen Sicht des Kremls auf internationale Angelegenheiten steht das traditionelle und instinktive russische Unsicherheitsempfinden“, analysierte Kennan - ein Satz, der sich Wort für Wort auf die Gegenwart übertragen lässt. Putin ist mehr als nur ein Revanchist, der seinen Landsleuten verspricht, sie von ihren imperialen Phantomschmerzen zu befreien. Er wähnt Russland von Gegnern umringt, die Annexion der Krim war für ihn ein Akt der Notwehr. Westliche Sanktionen bestärken ihn in dieser Weltsicht eher, als dass sie ihn zur Umkehr bewegen.

Kennan forderte, dass "das Kernelement jeder US-Politik gegenüber der Sowjetunion eine geduldige, langfristig angelegte und doch standhafte und wachsame Eindämmung der expansiven Tendenzen" Moskaus sein müsse. Zugleich aber erkannte er, dass, „verglichen mit der westlichen Welt als Ganzes, die Sowjets immer noch die bei weitem unterlegene Macht sind“. Seine Empfehlung lautete: keine Anbiederung, aber auch keine überstürzte Konfrontation, stattdessen Entschlossenheit demonstrieren, Grenzen aufzeigen, Ruhe bewahren.

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