Fracking
Eine neue Ära

Der Energieboom in den USA wird immer noch sträflich unterschätzt. Das Rekordniveau in der Produktion ist noch lange nicht erreicht und dürfte sich über Jahre halten.
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WashingtonNach jeder Euphorie folgt die Ernüchterung. Das ist natürlich. Aber es sollte nicht auf Kosten der Fakten gehen. So wird der US-Energieboom nach anfänglichem Staunen in Deutschland niedergeschrieben. Von einer „Fracking-Blase“ ist die Rede, von „Hoffnung mit vielen Löchern“ oder „Das Fracking-Wunder bleibt aus“. Fracking ist eine Bohrtechnik, bei der ein Gemisch aus Wasser, Sand und Spezialchemikalien in Schiefergestein unter hohem Druck gepresst wird, um das darin eingeschlossene Öl und Erdgas zu gewinnen. Fracking ist wegen seiner Umweltauswirkungen umstritten, wird im Gegensatz zu Europa in Amerika dennoch im großen Umfang durchgeführt.

Als Kritik führen deutsche Medien Aussagen von US-Experten wie Deborah Rogers an. Ihre Behauptung: US-Unternehmen würden ihre heimischen Energievorkommen um bis zu 500 Prozent künstlich hochrechnen, um Investoren anzulocken. Auch der kanadische Geologe David Hughes bläst ins gleiche Horn: Schon 2016 könnte der Boom seinen Höhepunkt überschritten haben. Allerdings sind Zweifel angebracht.

Die Texanerin Rogers betreibt seit 1999 einen Ziegen-Bauernhof. Ihre Expertise in Energie? Vor drei Jahren bohrte ein Unternehmen in der Nähe ihres Anwesens nach Erdgas. Seitdem ist Rogers Anti-Fracking-Aktivistin. Bei allem Mitgefühl: Wie sehr darf man ihrer Prognose glauben? Ähnlich gelagert sind die Interessen von Hughes, der für das Post Carbon Institute arbeitet, einen kalifornischen Thinktank, der sich gegen die Verwendung von fossilen Brennstoffen einsetzt.

Die Gegenseite arbeitet mit ähnlichen Mitteln. Die US-Energiebranche finanziert ständig Studien von Instituten oder Beratungen, die nach außen unabhängig erscheinen. Das unterstreicht aber nur die Notwendigkeit, beide Seiten zu hören und voreilige Schlussfolgerungen zu meiden.

Auch wird eine Tatsache gern mit den Prognosen von Rogers oder Hughes vermischt, die dort nichts zu suchen hat: Die Investitionen in Beteiligungen an Schiefergas- und Schieferöl-Vorkommen gehen zurück, wie es das Beratungsunternehmen IHS feststellte. Das tun Anleger aber nicht, weil sie etwa an der Langlebigkeit der Vorkommen zweifeln.

Vielmehr fallen die Öl- und Gaspreise in den USA stark, die Wirtschaftlichkeit der Projekte ist in Gefahr. Fracking wird Opfer des eigenen Erfolgs. Eine neue IHS-Studie besagt, dass in den USA bis 2025 bis zu 1,15 Billionen Dollar in „Fracking-Infrastruktur“ investiert werden, angefangen von Stromleitungen für Eisenbahnwaggons bis zu Raffinerien. Aber Vorsicht: Die Studie wurde von der Energielobby American Petroleum Institute finanziert ...

Halten wir uns an neutrale Stellen. Laut der US-Energiebehörde steigen die Fördermengen von Schieferöl bis 2020 auf ein Rekordniveau, schwächen sich danach zwar leicht ab, bleiben aber bis 2040 auf historisch hohem Niveau. Auch die Gasproduktion wächst laut Regierungsstatistik von 2012 bis 2040 um 56 Prozent.

Wenn in Europa und Deutschland die Umweltauswirkungen vor allem für die Anwohner nicht akzeptiert werden, ist das verständlich. Der Preis dafür ist teurere Energie. Das lässt sich nicht mit abhängigen Experten und fehlplatzierten Argumenten aus der Welt schaffen.

Der Autor ist Managing-Editor des Handelsblatts in den USA. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Thomas Jahn
Handelsblatt / Korrespondent New York
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