Fracking
Hoffnung mit vielen Löchern

Dem Erdgas-Boom in den USA folgt nun die Ernüchterung. Prognosen werden korrigiert, Investitionen zurückgefahren. Auch in Europa liegen viele Projekte auf Eis.
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Nicht nur der Bau von Fördertürmen hat Hochkonjunktur in den USA. Es boomen auch die Wortspiele. Von "Saudi Amerika" ist die Rede, vom "Neuen Nahen Osten" und dem "Kuwait der Prärie". Mit neuen Fördermethoden, dem sogenannten Fracking, erschließen die Amerikaner gewaltige Öl- und Gasreserven, ein kollektiver Rausch hat das Land gepackt.

Washington träumt vom Aufstieg zum weltgrößten Energieproduzenten und davon, mit billigem Strom den Mittleren Westen zu reindustrialisieren. Schon jetzt schließt der sinkende Bedarf nach Energieimporten das klaffende Loch in der Handelsbilanz. Amerika kann sich seinen Lebensstil wieder leisten - erstmals seit Jahrzehnten.

Doch irgendwann geht jeder Boom zu Ende. Und das Ende könnte früher kommen als erwartet. Viel früher. Studien des Geologen David Hughes vom Post Carbon Institute zeigen, dass die neuen Quellen rasch versiegen und immer schwerer ersetzt werden können. Die "Sweet Spots" gehen zur Neige, Förderstätten mit besonders großem Potenzial. "Schon 2016 könnte der Boom seinen Höhepunkt überschreiten", prophezeit Hughes.

Auch bei Kurt Oswald, Gasmarkt-Experte bei A.T. Kearney, ist Ernüchterung eingetreten. "Um Ersatzproduktion zur Kompensation des Förderrückganges je Bohrloch zu schaffen, müssen die Unternehmen zunehmend auch außerhalb der Areale mit hohen Ertragsaussichten bohren. So sinkt die Ausbeute je Bohrloch. Die Förderung wird teurer", sagt der A.T.-Kearney-Partner. Die dadurch permanent hohen Investitionen bei einem niedrigen Gaspreis "bringen das eine oder andere Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten, was auch zu einer Konsolidierung der Industrie führt", sagt Oswald. Schon vor eineinhalb Jahren hat Exxon-Chef Rex Tillerson über diesen Schweinezyklus geklagt: "Wir verlieren unsere Hemden."

Die Bremsspuren sind mittlerweile unübersehbar: 2013 flossen nach Angaben des US-Beratungsunternehmens IHS Herold nur noch 3,4 Milliarden Dollar in Beteiligungen in Schiefergas- und Schieferöl-Vorkommen. Noch 2012 hatten Investoren mehr als doppelt so viel Geld in die Branche gepumpt. Im Vergleich zum Boomjahr 2011 sanken die Investitionen sogar auf ein Zehntel. Große Energiekonzerne haben in den vergangenen Monaten bereits Abschreibungen auf ihre Beteiligungen an nordamerikanischen Vorkommen vorgenommen.

Fracking lässt Europa kalt

Infografik Woher kommen die Rohstoffe für deutsche Energie?



"Von der Anfangseuphorie beim Thema Fracking ist viel verflogen, man kommt zurück auf den Boden der Tatsachen", sagt Kirsten Westphal von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Die Wissenschaftlerin sieht in der Entwicklung allerdings nur eine "normale Marktreaktionen im Rohstoffbereich". Auf steigende Gaspreise würden die Unternehmen schnell wieder reagieren.

In Europa will der erwartete Fracking-Boom gar nicht erst in Gang kommen: In Polen, das über besonders große Mengen an Schiefergas verfügen soll und sich durch offensive Bohrungen von russischen Erdgasimporten unabhängig machen will, erlahmt das Interesse. Der italienische Energiekonzern Eni hat gerade zwei seiner drei polnischen "Shale gas"-Bohrlizenzen zurückgegeben, bestätigte ein Sprecher des Umweltministeriums in Warschau.

Zuvor hatten sich bereits der Energieriese Exxon-Mobil sowie die Shale-Gas-Experten Talisman und Marathon Oil von Explorationsprojekten in vermuteten Schiefergasfeldern in Polen zurückgezogen. Inzwischen wird mit deutlich geringeren Schiefergas-Vorkommen in Polen gerechnet als zu Beginn der Euphorie erwartet. Polens Umweltminister Maciej Grabowski rechnet indes mit noch 40 Erkundungsbohrungen in diesem Jahr. Allerdings ist zum Jahreswechsel ein Rahmenabkommen ausgelaufen, das Polens zumeist staatlich kontrollierte Industrieriesen - der Energiekonzern PGNiG, Europas größter Kupferkonzern KGHM sowie die Versorger PGE, Tauron und Enea - zur gemeinsamen, fast 500 Millionen Euro teuren Erschließung von Schiefergasvorkommen geschlossen hatten.

Auch in Rumänien ist die Skepsis gewachsen. Dort wird neben Polen in Europa das meiste Schiefergas vermutet. Es wurde ein Moratorium auf Erkundungsbohrungen erlassen - aus Umweltschutzgründen.

Brüssel gibt Staaten Empfehlungen mit

Grundsätzlich wollen sich die Europäer beim Thema Fracking alle Optionen offenhalten. Das geht aus dem Entwurf einer Mitteilung der EU-Kommission zur "Erschließung und Produktion von Schiefergas in der EU" hervor, die die Behörde in der kommenden Woche veröffentlichen will. Demnach müssen Mitgliedstaaten, die ihre Schiefergasvorräte anzapfen, zwar dafür Sorge tragen, dass dies unter angemessenen Umständen geschieht. Die damit verbundene Umsetzung "minimaler Anforderungen" ist vorerst allerdings freiwillig. "Zu den Bedingungen gehört es, dass die Staaten den mit den Aktivitäten verbundenen Risiken zum Schutz der Bevölkerung vorbeugen, sie managen und reduzieren", heißt es in dem Papier, das dem Handelsblatt vorliegt.

Dazu gibt Brüssel den EU-Mitgliedern Empfehlungen an die Hand. So seien Prüfungen zur Umweltverträglichkeit ebenso nötig wie die Abschottung von Bohrgebieten von den sie umgebenden geologischen Formationen. Auch hätten die Bürger ein Recht darauf, zu erfahren, welche Chemikalien bei der Förderung benützt würden. Informationslücken seien zu schließen. Kontrollbehörden seien angemessen auszustatten - sowohl mit Mitteln als auch mit Know-how.

Sollte die Umsetzung zu wünschen übriglassen, behält sich Brüssel vor, später gesetzgeberische Maßnahmen zu ergreifen. Im Juli 2015 will sie Bilanz ziehen. EU-Energiekommissar Günther Oettinger hat sich in der Vergangenheit für die Erschließung dieser Energiequelle in Europa ausgesprochen: "Wir sollten uns die Option Schiefergas nicht verbauen." Erst Anfang Januar hatte die Kommission ihre Schätzungen für die Menge förderfähigen Erdgases von zuletzt 15,8 Billionen Kubikmeter auf nur noch 13,3 Billionen Kubikmeter korrigiert.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
Thomas Ludwig
Thomas Ludwig
Handelsblatt / EU-Korrespondent
Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
Moritz Koch ist USA-Korrespondent.
Moritz Koch
Handelsblatt / USA - Korrespondent
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