Fracking
Willkommen in der Realität

Der Erdgas-Boom hat in den USA eine Dynamik ausgelöst, die an die großen Goldräusche erinnert. Auch langfristig bleibt das Gas eine Trumpfkarte für die Amerikaner.
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Die Aussicht auf große Gasvorkommen, die mittels moderner Bohrtechniken leicht auszubeuten sind, hat Wirtschaft und Politik in den USA beflügelt wie schon lange kein anderes Thema mehr. Dauerhaft niedrige Energiepreise haben den Traum von der Re-Industrialisierung der kränkelnden Wirtschaftsmacht in den Bereich des Machbaren gerückt. Der Erdgas-Boom löste in einigen Regionen der USA eine Dynamik aus, die stark an die diversen US-Goldräusche des 19. Jahrhunderts erinnerte - mit allen negativen Begleiterscheinungen. Jetzt ist die Euphorie verflogen. Der Wettbewerbsvorteil der Amerikaner jedoch bleibt.

Wir erleben eine Bereinigung des Marktes. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Viel zu viele Unternehmen reihten sich ein in den Treck der Glücksritter, die auf die Schnelle das große Geld machen wollten. Die Folge ist eine massive Gasschwemme, der daraus resultierende Preisverfall entwertet so manche Investition. Erschwert wird die Situation dadurch, dass mit mancher Bohrung weniger Gas zutage gebracht wurde als prognostiziert. Das zwingt jetzt einige Unternehmer in die Knie. Dem Hype der vergangenen Jahre folgt die Ernüchterung.

Langfristig aber bleibt das Gas eine Trumpfkarte. Selbst wenn die Prognosen über die Gasvorkommen nach unten korrigiert werden müssen, sind die Aussichten doch hervorragend. Mehr und mehr Kraftwerke in den USA können mit billigem Gas befeuert werden, die Strompreise für Unternehmen sind nicht einmal halb so hoch wie in Europa. In energieintensiven Branchen, in denen die Stromkosten in Europa weit vor den Personalkosten den größten Kostenblock ausmachen, wird eine Investition in den USA schon bei weitaus geringeren Preisunterschieden interessant.

Europa bleibt nicht viel mehr, als neidisch gen Westen zu blicken. Die Idee, den Gas-Boom einfach hierher zu holen, ist naiv. Und zwar allein aus wirtschaftlichen Gründen. Die Vorkommen in europäischen Ländern sind schwerer zu fördern, weil meist in wesentlich tieferen Gesteinsformationen lagernd als in den USA. Das macht die Sache teurer als in Amerika, zumal in Europa die Anforderungen an die Sicherheit aus gutem Grund höher sind. Wirtschaftlich dürfte das Thema daher auf mittlere Sicht uninteressant sein. Es stellt allenfalls eine ferne strategische Option dar, die man sich nicht komplett verbauen sollte.

Die europäischen Regierungen haben allein eine Möglichkeit, der Herausforderung zu begegnen. Sie müssen dafür sorgen, dass die Energiepreise nicht weiter steigen. Deutschland ist ein abschreckendes Beispiel: Die Strompreise sind - inklusive der staatlich verursachten Lasten - deutlich höher als in fast allen anderen EU-Staaten. Wenn das so bleibt, dürften Produktionsstätten in den USA für viele Unternehmen immer interessanter werden. Die Politik hat es in der Hand, das zu ändern.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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