Gasförderung
Geliebter Albtraum Fracking

Der Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre Bodo Hombach analysiert die deutsche Befindlichkeit in der Frage, wie Energie zu gewinnen ist – und erklärt, warum die Deutschen sich mit dem Fracking schwer tun.
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Man kann der Meinung sein, massenhaftes Fördern und Verfeuern kostbarer Bodenschätze sei Raub an den Chancen künftiger Generationen. Man kann die Überzeugung vertreten, die Bewohner des Raumschiffs "Erde" sollten überhaupt nur gebrauchen, was sich erneuern lässt, und verbrauchen, was von außen (z. B. Sonne) angeliefert wird. Man kann für sich persönlich entscheiden, eine franziskanische Lebensweise sei genug, vernünftig und gesund, der industrielle Wachstumswahn führe in die Sackgasse und weniger sei mehr. Eine solche Haltung ist durchaus ehrenwert und legitim.

Was aber, wenn andere das anders sehen, nicht weil sie dümmer sind, rücksichtslos oder kurzsichtig, sondern weil sie andere Akzente setzen? Man kann nämlich der Meinung sein, die Nutzung fossiler Energieträger (also die Sonnenenergie von vor einigen Millionen Jahren) erlaube Milliarden Erdenbewohnern ein bescheidenes Ein- und Auskommen. Man kann die Überzeugung vertreten, angesichts noch fehlender Alternativen müsse man sich mit traditioneller Technik den zeitlichen Spielraum verschaffen, die Lösungen für übermorgen zu entwickeln.

Man kann die Ansicht vertreten, angesichts zerfallender Staaten im Nahen und Mittleren Osten oder des Rückfalls anderer in machtpolitisches Territorialverhalten sei die Versorgung aus eigenen Ressourcen und der Abbau von Erpressbarkeit eine wertvolle Option. Auch das sind ehrenwerte Gründe.

Schon das Wort hat es im Deutschen schwer

Das ist Veranlassung für einen Diskurs, bei dem sich die Kontrahenten mindestens gute Absichten unterstellen und ergebnisoffen kommunizieren. So können sie eventuell gemeinsame Ziele oder Teilziele entdecken und die Gegenseite mit den eigenen Ansichten erreichen. Wer sich darauf verlässt, dass der andere immer nur "bösewichterisch" (Bertha von Suttner) agiert, ist seiner eigenen Gründe nicht sicher. Warum sollte man sich dann damit befassen!

Beispiel "Fracking". Schon das Wort hat es schwer. Es klingt im Deutschen wie "dreckig" und "verbrecherisch". Es weckt eher subkutanen Widerwillen als Appetit. Wenn es dann noch mit giftigen Chemikalien arbeitet, die unser Grundwasser durchqueren, und wenn es die Amerikaner fröhlich und massenhaft tun, die doch - was wir bei Karl May lasen - skrupellose Goldgräber sind, dann ist der Albtraum komplett. Die Deutschen verstehen es ja, sich im Albdruck so behaglich einzurichten, dass sie nur noch eines fürchten, daraus zu erwachen. Die Aussage von Nato-Generalsekretär Rasmussen, hinter deutscher Fracking-Angst stecke eine Gazprom- Kampagne, ließe sich wohl nicht belegen.

Das letzte Wort nicht dem Gegner überlassen

Es kostet nicht nur fachliche Expertise, sondern auch Mut, sich vor die Öffentlichkeit zu stellen und das deutsche "Fräckingsausen" als unbegründet zu erklären. So jüngst Hans-Joachim Kümpel, Chef der Bundesanstalt für Geowissenschaften, im Handelsblatt. Es sei schwer, wissenschaftliche Argumente gegen diese Methode der Energiegewinnung zu finden. 16 geologische Dienste in Deutschland und alle in der EU seien der gleichen Ansicht - und das als interessenneutrale Fachbehörde. Außerdem arbeitet die Branche daran, den Chemikalieneinsatz zu reduzieren und komplett giftfrei zu machen. Einwände, die das Thema "Kein Gift in unseren Boden" mit Totenköpfen auf Plakaten illustrieren, werden demnächst wegfallen.

Im Berliner Umweltministerium wurde diese Verheißung nicht etwa als Gefahrenabwehr und Glanzleistung der Wissenschaft begrüßt, sondern löste Sorgen aus. Leitende Ministerialbeamte schlugen Alarm. Wenn das Argument möglicher Gifte in der Fracking-Flüssigkeit demnächst entfalle, solle man vorsorglich und schnell andere bereitlegen (der entsprechende Vermerk aus dem Bundesumweltministerium liegt der Redaktion vor). Mit anderen Worten: Fracking hin oder her, eines darf nicht geschehen: das letzte Wort dem als Gegner Ausgeguckten überlassen.

Bei solchen Vorgängen sollten alle Sicherungen rausspringen und sollte der Alarm flackern. Hier schlägt die Qualität der Debatte um. Sie verlässt die logische Ebene der Wahrheitssuche und betritt diejenige der Gesichtswahrung und verworrener Politinteressen. Damit geht es dann nicht mehr um Techniken oder Haltungen bei der Energieversorgung, sondern um die politische Kultur des Landes.

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