Gastbeitrag

Industrie 4.0 ist Deutschlands Chance für die Zukunft

Die Digitalisierung der Produktion bietet große Chancen – doch gleichzeitig sind damit auch große Ängste verbunden. Unter welchen Aspekten das Projekt ein Erfolg werden kann, und wo die Politik ins Spiel kommt.
  • Nils Heisterhagen, Dominic Schwickert
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Industrie 4.0: Ist die Fabrik der Zukunft menschenleer? Quelle: obs

Industrie 4.0: Ist die Fabrik der Zukunft menschenleer?

(Foto: obs)

„Industrie 4.0“ ist ein Sammelbegriff für einen tiefgreifenden Strukturwandel der Wirtschaft geworden. Der Begriff soll nicht nur das Phänomen der Digitalisierung und zunehmenden Vernetzung von gesamten Produktionsketten beschreiben, sondern fundamentale Veränderungen auf den Punkt bringen, die dem Produzieren und Wirtschaften bevorstehen.

Dominic Schwickert ist seit September 2012 Geschäftsführer des Progressiven Zentrums.

Dominic Schwickert ist seit September 2012 Geschäftsführer des Progressiven Zentrums.

Industrie 4.0 bietet große Chancen. Eine Studie des High-Tech-Verbandes Bitkom erwartet für die sechs Branchen des Maschinen- und Anlagenbaus, der Elektrotechnik, dem Automobilbau, der chemischen Industrie, der Landwirtschaft und der Informations- und Kommunikationstechnologie bis zum Jahr 2025 ein zusätzliches Wertschöpfungspotenzial von 78 Milliarden Euro und ein jährliches Wachstum von 1,7 Prozent durch Industrie 4.0-Technologien.

Obwohl im öffentlichen Diskurs der letzten Jahre die moderne Dienstleistungsgesellschaft als Leitbild beschworen wurde, scheint nun sogar eine gewisse Reindustrialisierung Deutschlands möglich. Das liegt vor allem daran, dass durch neue Technologien dezentraler produziert werden kann und es nicht mehr nur auf große Fabriken mit vielen Arbeitern ankommt. Nach Jahrzehnten des Outsourcings der Produktion in Billiglohnländer könnte so Produktion wieder nach Deutschland zurückgeholt werden, weil die neue digitale Produktion auch qualifizierte Facharbeiter benötigt, die die neuen komplexen Produktionsabläufe verstehen – und die gibt es hierzulande. Außerdem existieren in Deutschland Netzwerke aus Wissenschaft, Unternehmen und einer digitalen Kreativwirtschaft, die digitales Produzieren erst ermöglichen. Erste Unternehmen planen daher bereits ihre Produktion wieder zurück nach Deutschland zu verlagern.

Nils Heisterhagen ist Projektassistent bei dem Think Tank „Das Progressive Zentrum“.

Nils Heisterhagen ist Projektassistent bei dem Think Tank „Das Progressive Zentrum“.

Doch mit der Digitalisierung der Produktion sind auch große Ängste verbunden. Wird die smart factory der Zukunft, in der die Produktion immer weiter automatisiert wird, eine menschenleere Fabrik sein? Eine Studie von Oxford-Wissenschaftlern kommt etwa zu dem Ergebnis, dass 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten bedroht sein könnten. Die Industrie 4.0 könnte so zwar mehr Wachstum schaffen, aber auch zu mehr Arbeitslosigkeit führen.

Digitalisierung als Megatrend: Nicht ganz neu und doch Neuland

Industrie 4.0 als Zukunftsthema wird mittlerweile nicht mehr nur von den einschlägigen Forschungsinstituten wie den Fraunhofer Instituten oder der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften, sondern auch im politischen Berlin zunehmend erkannt. So hat die Bundesregierung jüngst eine digitale Agenda verabschiedet. Und am Montag etwa diskutierte Siemens-Chef Joe Kaeser mit Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel auf dem Wirtschaftsempfang der SPD-Bundestagsfraktion zum Thema Industrie 4.0. Solche Treffen dienen auch dafür, wichtige Ansatzpunkte für eine erfolgreiche wirtschafts- und sozialpolitische Strategie zur Bewältigung der Digitalisierung auszumachen.

Sechs Punkte für die politische Agenda

Die besten Erfindungen aus zehn Jahren
Wind
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Windenergie

Einzelne Windturbinen können dank ausgefeilter Technologien in ihrer Leistung verbessert werden. Darüber hinaus wurden Lösungen entwickelt, die sowohl Leistung als auch Lautstärke eines ganzen Windparks optimieren. Im Angebot von GE sind diese Kontrollmöglichkeiten bereits erhältlich.

MRT
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Neue Bildgebungssysteme

Zusammen mit GE Healthcare hat das Global Research Team High-End-Anwendungen für Ultraschall-, CT-, Röntgen- und Magnetresonanzbildgebung im Diagnosebereich entwickelt. Darunter befindet sich auch die Entwicklung eines neuen hybriden PET/MRT-Systems – einem Gerät, das die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und die Magnetresonanztomographie (MRT) in sich vereint. Die Anwendungsgebiete reichen von Krebs über neurologische Krankheiten bis hin zu Herz- und Lungenleiden.

Bergbau
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Geländefahrzeuge für den Bergbau

Der Unterschied zwischen einer Krankenhausabteilung und Bergbaustandorten könnte größer nicht sein – aber Global Research Europe hat auch die Bergbaubranche dabei unterstützt, Geländefahrzeuge leistungsfähiger zu machen. Die Forscher haben geholfen, den elektrischen Antrieb für die Räder neu zu erfinden, und den Antriebsmechanismus dieser riesigen Laster zu vereinfachen.

Bild: Komatsu

Abwärme
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Abwärmenutzung

Im Bereich der Abwärmenutzung hat das European Research Center eine große Rolle bei der Entwicklung von ORegen gespielt – einem neuen Abwärmenutzungssystem, das es einer Gasturbine erlaubt, zusätzliche Energie zu produzieren, ohne dabei zusätzliche Emissionen freizusetzen oder Wasser zu verbrauchen. Im kanadischen Alberta soll dieses System zum Einsatz kommen, um 14.000 Haushalte (14MW) mit sauberer Elektrizität zu versorgen, sowie jährlich über 11 Millionen Liter Wasser und 38.000 Tonnen CO2 einzusparen. Auch in Brunei ist die Nutzung geplant.

Genx
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Leichtere und hitzeresistente Turbinenschaufeln

Ein weiterer Erfolg beruht auf der Entwicklung eines Fertigungsprozesses zur Produktion extrem leichter und hitzeresistenter Turbinenschaufeln aus Titan-Aluminid, die in den GEnx-2B-Triebwerken verwendet werden. Diese kommen ihrerseits in der Lufthansa Boeing 747-8 zum Einsatz. Das neue Produktionsverfahren wurde am Standort von GE Aviation in Regensburg eingeführt. Der Fertigungsprozess wurde von Forschern von Global Research in den USA in Verbindung mit GE Aviation konzipiert. Das Team von Global Research Europe optimiert die Produktion fortlaufend durch die Automatisierung einzelner Prozessschritte.

Wie kann die Industriewende mehr Chancen als Risiken bieten? Wir schlagen sechs Punkte vor, die dringend auf die politische Agenda gehören:

1. Industrie- und Bildungspolitik zusammendenken: Industrie 4.0 verändert die Anforderungsprofile von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und damit entstehen auch neue Bildungsbedarfe. Es braucht neue sozialpolitische Konzepte für Weiterbildung und lebenslanges Lernen. Arbeitnehmer müssen auf die neue Art der Produktion geschult werden. Dies können die produzierenden Unternehmen nicht alleine finanzieren. Daher braucht es auch staatliche Weiterbildungsprogramme und Zuschüsse für weiterbildende Unternehmen. Gerade auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels wird eine Bildungspolitik nötig sein, die schon in Schulen Technik- und Informatikunterricht etabliert. Ohne digitales Wissen werden die meisten deutschen Arbeitnehmer der Zukunft nicht mehr bestehen können.

2. Forschungs- und Entwicklungsunterstützung: Verschiedene Varianten von steuerlichen Anreizsystemen für Unternehmen, die in Forschung und Entwicklung investieren, sind zu diskutieren. Außerdem müssen Modelle der monetären Bezuschussung von Leuchtturmprojekten im Bereich der digitalen Produktion und der Start Ups debattiert werden.

3. Grundlagenforschung an Universitäten und Studiengänge für Industrie 4.0: Deutschen Universitäten sollten finanzielle Anreize geboten werden, um Masterstudiengänge wie „Industrierobotik und digitale Produktion“ zu entwickeln. Außerdem braucht es eine Ausweitung der staatlichen Finanzierung für digitale Forschungsprojekte an Universitäten. Die Rolle der deutschen Forschungsgemeinschaften (Leibniz-Gemeinschaft, Helmholtz-Gemeinschaft und Deutsche Forschungsgemeinschaft) sind in Bezug zur Industrie 4.0 zu klären.

4. Digitale Infrastruktur: Digitale Netze müssen überall verfügbar sein. Der Breitbandausbau zum Beispiel ist daher ein wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Bewältigung der Industriewende 4.0. Es braucht hier mehr als Absichtserklärungen. Die digitale Infrastruktur kostet viel Geld. Dies muss man endlich in die Hand nehmen.

5. Kooperation statt Wettbewerb: Das Projekt der Digitalisierung kann nur ein Erfolg werden, wenn unterschiedlichste Akteure mit unterschiedlichsten Interessen beginnen bei diesem Thema zusammenzuarbeiten. Ein Wille zu einer gesamtgesellschaftlichen Einigung sowie der technologischen Zusammenarbeit und vor allem zur Standardisierung wird essentiell sein. Die Digitalisierung ist ein demokratisches Projekt und kann nur durch die Beteiligung und Mitsprache möglichst vieler Akteure gelingen.

6. Industrie 4.0 braucht eine Arbeitsmarktpolitik 4.0: Neben digitalen Weiterbildungskonzepten (siehe Punkt 1) benötigen wir eine sozialstaatliche Organisation von Übergängen zwischen atypischen Beschäftigungsverhältnissen, da davon auszugehen ist, dass Formen des „liquid work“ – also vor allem Projektarbeit – zunehmen werden. In der Zukunft wird das normale Vollzeitarbeitsverhältnis nicht mehr der Standard sein. Das Sozialsystem muss diesen Veränderungen Rechnung tragen. Hier sind Unternehmen und Gewerkschaften gleichermaßen gefordert, gestaltende Antworten zu erarbeiten. Ein politisches Programm für die Industrie 4.0 geht damit weit über Wirtschaftsförderung hinaus.

Fazit: Wir brauchen einen Gestaltungsdiskurs
Die politische Debatte um Digitalisierung im Allgemeinen und „Industrie 4.0“ im Besonderen ist gerade erst dabei, sich zu formieren. Sie changiert zurzeit noch zwischen Digitalisierungsrausch und Angstdiskurs. Mit beiden Extremen sind wir schlecht beraten: Während blinder Fortschrittsglauben politisch naiv und fahrlässig ist, sorgen Widerstände gegen gesellschaftlichen Wandel dafür, dass eine konstruktive politische Begleitung von wichtigen Veränderungen blockiert werden kann. Wir sollten uns in einem ehrlichen Dialog darüber verständigen, für welche Personengruppen welche individuellen Risiken und welche Chancen bestehen und wie sich die Digitalisierung in all ihren vielen Facetten in nachhaltige Bahnen lenken lässt.

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