Gastbeitrag
Wir brauchen einen New Deal für Technologieförderung

Die deutsche Investitionsschwäche ist auch eine Technologieschwäche. Der Staat muss Forschung und Leuchtturmprojekte in Schlüsselindustrien stärker fördern, um sie für Investoren attraktiv zu machen.
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Experten sind sich einig: In Deutschland wird zu wenig investiert. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung stellt zum Beispiel fest, dass Deutschland zwischen 1999 und 2012 eine durchschnittliche Investitionslücke von 2,5 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt aufweist. Ähnlich sei es im Euroraum. Hier seien die Bruttoanlageinvestitionen seit 2008 um knapp 15 Prozent gesunken, wohingegen sich die Investitionen in den USA bereits seit 2010 erholten.

Besonders schlecht sehe es bei den Ausrüstungsinvestitionen aus, – und genau die sind der zentrale Kern. Denn sie umfassen etwa die Anschaffung von Maschinen der privaten Unternehmen.

Offensichtlich bauen deutsche Unternehmen also hierzulande gerade nicht ihre Produktion auf – und eine Erneuerung findet auch nicht statt.

Aber warum? Sind die Banken schuld, weil sie den Unternehmen keine Kredite mehr geben?  Mitnichten. Denn das Problem bei der Kreditvergabe liegt nicht auf der Angebotsseite. Heißt konkret: Deutsche Unternehmen kriegen durchaus leicht Kredite. Das Ifo-Institut hat kürzlich festgestellt, dass die Finanzierungsbedingungen für die deutsche Wirtschaft weiterhin ausgezeichnet sind.

Offensichtlich haben die deutschen Unternehmen keinen Bedarf nach Krediten, um im Inland zu investieren. Aber warum wird in einem im Verhältnis noch ökonomisch stabilen Land wie Deutschland so wenig investiert?

Vier Ursachen für die Investitionsschwäche

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat kürzlich versucht, allgemeine Erklärungen für den Rückgang der Investitionsquote zu finden, die nicht nur Deutschland betreffen, sondern eine Vielzahl von anderen OECD-Ländern. Und dabei kamen die Experten vor allem auf vier Ursachen.

Erstens gehe das Wirtschaftswachstum generell zurück – und weniger Wachstum bedeute auch weniger Investitionsnotwendigkeit.

Zweitens hätte ein Strukturwandel stattgefunden – weg von kapitalintensiven Sektoren des Industriesektors hin zum weniger kapitalintensiven Dienstleistungssektor.

Drittens senken externe Faktoren wie der demografische Wandel oder eine verminderte Dynamik technischer Innovationen die Investitionsquote.

Viertens seien die Preise für Investitionsgüter langsamer gestiegen als das generelle Preisniveau. Das heißt: Der Rückgang bei Investitionen fällt nominal stärker aus als in realer, preisbereinigter Rechnung.

Doch dann stellt sich die Frage: Wie können die Investitionen überhaupt wieder steigen?

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung schlägt eine Investitionsagenda für Europa vor. Dazu gehören eine investitionsfreundlichere Steuerpolitik, bessere Abschreibungsmöglichkeiten von Investitionen oder ein zeitlich befristeter, neuer EU-Investitionsfonds.

An Ideen mangelt es nicht. Doch die meisten Lösungsansätze setzen voraus, dass die europäische und damit auch deutsche Investitionsschwäche durch eine Zurückhaltung der Banken bei der Kreditvergabe zu erklären ist. Wenn das aber nur bedingt zutrifft, wie für Südeuropa, es aber für Deutschland nicht gilt, dann stellt sich die Frage, warum die deutschen Unternehmen eigentlich nicht mehr hierzulande investieren wollen – auch wenn sie könnten. Andere OECD-Länder wie etwa die USA schaffen schließlich eine Erholung bei ihren heimischen Investitionen, nur eben in Deutschland gelingt dies nicht.

Europa: Boom-Industrien Fehlanzeige

 Ein Vergleich mit den USA lohnt hier. Europa und die USA teilen sich zwar das Problem, dass dort die gesamtwirtschaftliche Nachfrage seit Jahren schwach ausfällt und die meisten Investitionen daher in die Schwellenländer gehen, weil die sehr viel höhere Konsumnachfrage dort auch mehr Produktion verlangt. Den USA gelingt es im Gegensatz zu Europa aber, neue technologische Bereiche auszumachen, die viel Kapital benötigen. Die Investitionsstärke der USA wäre dann dadurch zu erklären, dass amerikanische Unternehmen weniger im Ausland und mehr im Inland investieren. Dies könnte vor allem an dem dortigen Gas- und Ölboom liegen, der neue Anlagen und Maschinen benötigt.

In Europa sucht man diese boomenden Industrien noch vergeblich. Deswegen investieren deutsche Unternehmen kaum zu Hause, sondern mehr im Ausland – vor allem in den Schwellenländern –, weil es dort höhere Renditen gibt. Deutschland muss sich also auf die Suche nach neuen vielversprechenden Technologien machen, die auch Rendite erzeugen können. Die deutsche Umweltindustrie und die Industrie 4.0 bieten sich hier an. Doch diese Industrien erzeugen bislang kaum Renditen. Privates Kapital würde dort erst vermehrt hinfließen, wenn man damit auch viel Geld verdienen kann und auch der Umsatz noch weit stärker steigt. Daher braucht es für diese zwei deutschen Schlüsselindustrien der Zukunft staatliche Förderung, um ihnen so eine Anschubfinanzierung zu bieten. Man könnte hier auch die Grundlagenforschung an den Universitäten mit Milliarden Euro fördern und Forschung von Industrieunternehmen bezuschussen.

Was Deutschland demnach gegen seine private Investitionsschwäche braucht, ist ein New Deal für Technologieförderung. Wenn Deutschlands Problem vor allem in einer Technologieschwäche liegt, dann darf die Diskussion über die deutsche Investitionsschwäche nicht darauf reduziert werden, wie man das Kreditangebot verbessert. Das Kreditangebot ist nicht unwichtig, ebenso bedarf es einen signifikanten Anstieg bei staatlichen Investitionen wie in die digitale Infrastruktur und in das Bildungssystem. Aber die Privatinvestitionen werden in Deutschland erst dann wieder signifikant steigen, wenn hierzulande neue technologische Produkte entstehen, die weltweit nachgefragt werden und die daher viel Kapital für deren Produktion anziehen. Was Deutschland braucht, sind Renditefelder.

Die Politik muss umdenken

In diesem Sinne braucht es gegen die deutsche Investitionsschwäche etwas, was die Deutschen traditionell gut können: Neue Technik zu erfinden. Der Staat sollte den Ingenieuren dabei unter die Arme greifen und Forschung und Leuchtturmprojekte fördern. Politik, Wissenschaft und Wirtschaft müssen hier zusammenarbeiten. Die Politik muss aber auch umdenken. Sie muss abkehren von der fixen Orientierung auf die „Schwarze Null“ und muss vorsorgend Geld investieren. Die Zeit für diese Investitionen ist so gut wie nie. Schließlich kann sich die Regierung zurzeit verschulden, ohne dafür nennenswerte Zinsen zahlen zu müssen.

Wenn es eine Zeit für einen New Deal für Technologieförderung gibt, dann jetzt. Es ist Zeit für die Rückkehr einer echten Industrie- und Technologiepolitik.

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