Gasversorgung
Kein Hexenwerk

Die beste Energiepolitik heißt: weniger verbrauchen. Eine kluge, konsequente und langfristig angelegte Effizienzpolitik kann den Verbrauch deutlich reduzieren, ohne Wirtschaft und Verbraucher über Gebühr zu belasten.
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Das Szenario ist gespenstisch: Das Thermometer zeigt sibirische Temperaturen an, die Menschen frieren in ihren Wohnzimmern, in wichtigen Industriezweigen muss die Produktion gedrosselt werden. Große Verunsicherung greift um sich, weil Russland die EU frieren lässt. Dass es so weit kommt, ist aber unwahrscheinlich.

Zwar ist kaum etwas schwerer zu durchdringen als die Gedankenwelt des Wladimir Putin. Und es gibt wenig, was man dem russischen Präsidenten im Moment nicht zutrauen würde. Der feste Wille, die unterbrechungsfreie Lieferung von Erdgas nach Europa sicherzustellen, gehört bisher indes zu den großen Konstanten Putins. Ohne die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft ist Putin ein nackter Mann. Die russische Wirtschaft steckt längst in massiven Problemen. Wenn jetzt auch noch die Einnahmen aus dem Energiegeschäft ausblieben, wäre das Land rasch in einer akuten Notlage.

Dennoch: Die Abhängigkeit von russischen Erdgaslieferungen erzeugt bei vielen Menschen in Europa Angst. Es gibt aber auch ganz rationale Gründe dafür, diese Abhängigkeit zu reduzieren. Denn dass die Staaten der EU jährlich 500 Milliarden Euro ausgeben, um den Import von Öl, Kohle und Gas zu bezahlen, ist nicht besonders vernünftig. Ein großer Teil der Importe stammt zudem aus Ländern, die nicht zu den transparenten und demokratischen Staaten zu zählen sind.

Eine weitere Diversifizierung der Bezugsquellen insbesondere beim Erdgas ist das Gebot der Stunde. Die EU-Kommission hat das erkannt und unterstützt entsprechende Aktivitäten, wenn auch nur mit begrenztem Erfolg. Bis Erdgas aus Zentralasien über neue Pipelines in großen Mengen vorbei an russischem Territorium nach Europa kommt, wird es noch dauern. Vielversprechend sind Flüssiggaslieferungen, die per Tanker die europäischen Häfen erreichen.

In den vergangenen Jahren sind große Produktionskapazitäten für Flüssiggas entstanden; zugleich fallen die USA wegen ihrer stark gewachsenen Erdgas-Eigenproduktion als Abnehmer aus. Die Chancen für die Versorgung Europas sind beträchtlich.

Viel besser ist es allerdings, den Gasverbrauch deutlich zu reduzieren. Das ist kein Hexenwerk. Eine kluge, konsequente und langfristig angelegte Effizienzpolitik kann den Verbrauch von Gas, Öl und Kohle deutlich reduzieren, ohne Wirtschaft und Verbraucher über Gebühr zu belasten. Eine Studie brachte kürzlich zutage, dass sich Deutschlands Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen binnen weniger Jahre halbieren ließe, wenn die Politik nur ein konsequentes Programm zur Steigerung der Energieeffizienz verfolgte.

Die Bundesregierung kann mit der Umsetzung der EU-Energieeffizienz-Richtlinie ihren Ehrgeiz in dieser Frage unter Beweis stellen. Die Gefahr, dass es jemals zu einer staatlichen Zwangsbewirtschaftung der Gasreserven kommt, sinkt dann noch weiter.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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