„Glück auf“ und Pumpen für immer
Die Kohlezeit geht zu Ende

„Glück auf“, volle Lohntüte und Knochenmaloche - der Mythos Steinkohle hat Ruhrgebiet und Saar geprägt. Doch bald ist Schluss mit dem Abbau. Die Branche plant für die Zeit danach - und für die dauerhaften Folgelasten
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EssenDeutschlands höchste Deiche stehen nicht an der Nordsee, sondern in Duisburg. Nach vielen Jahrzehnten Kohlebergbau in der Region ist dort die Erde so abgesackt, dass ohne die teuren Wälle der Rhein die Stadt überfluten würde.

In 200 Jahren hat die Kohle das einst dünn besiedelte Ruhrgebiet und die Saar völlig verändert. Ende der 50er Jahre arbeiteten 600 000 Menschen in der stolzen Industriebranche. Jetzt sind es gerade noch einmal 12 000 in drei Zechen in NRW - und in gut vier Jahren, Ende 2018, ist endgültig Schluss.

Deutschland muss Abschied nehmen von der Förderung - obwohl noch für viele Jahrzehnte gut abbaubare Vorkommen im Boden schlummern. Bei Fördertiefen über 1000 Metern ist der Abbau aber viel zu teuer im Vergleich zur Importkohle. Außerdem will das Land die Wende zu Wind, Solar und Biomasse, statt Strom mit hohem CO2-Ausstoß in Kohlefeuern zu erzeugen.

„Nachbergbau“ lautet jetzt das Stichwort bei Tagungen wie an diesem Dienstag in Essen. „Wir wollen unser Know-How und unser kulturelles Erbe in die Zukunft tragen“, verspricht der Chef des Zechenbetreibers RAG, Bernd Tönjes. An der Bergbau-FH in der Kohlestadt Bochum wurde dafür vergangenen Sommer eigens ein Studiengang eingerichtet. „Der Nachbergbau wird uns noch eine Menge Geld kosten“, sagte Stiftungsprofessor Christian Melchers. Aber er biete zugleich große Chancen, wenn in anderen Ländern - etwa China - die Bergwerke schließen.

Die wichtigsten Aufgaben:

Wasserhaltung: Die aktiven und stillgelegten Gruben unter Tage würden ohne ständiges Pumpen schnell volllaufen. Rund 100 Millionen Kubikmeter Wasser - vergleichbar viel wie die Möhnetalsperre im Sauerland (134 Millionen Kubikmeter) - müssen die Pumpen im Jahr aus 800 bis 950 Metern Tiefe heben. Und dies nach jetzigem Stand der Technik für immer. Das Wasser aus der Tiefe ist salzhaltig. Ohne die Wasserhaltung bestünde die Gefahr, dass salzhaltiges Grubenwasser sich mit oberflächennahem Grundwasser vermischt.

Infografik Der große Umbau



Zugleich haben sich durch die Förderung riesiger Gesteinsmengen unter Tage oben vielfach Bodensenken gebildet - der Essener Hauptbahnhof liegt zum Beispiel in einer Senke. Aus den Senken wird oberflächennah Wasser abgepumpt. Sonst würde der Essener Hauptbahnhof zwölf Meter tief im Wasser versinken. Insgesamt werden die sogenannten Ewigkeitslasten nach Einstellung der Förderung rund 220 Millionen Euro im Jahr kosten.

Bergschäden: Risse im Mauerwerk, Feuchtigkeitsschäden im Fundament - jährlich melden Zechenanlieger der RAG rund 35 000 Bergschäden. Das wird auch nach der Schließung des letzten Bergwerks noch Jahre weitergehen. Ansprechpartner bleibt dauerhaft die RAG - allerdings nicht der einzige. Für viele Ex-Bergwerke tragen Konzerne wie RWE, Eon oder ThyssenKrupp die Verantwortung. Wo sich der einstige Zecheneigentümer nicht feststellen lässt, springt das Land ein.

Immobilien: Zechenbetreiber sind Immobilienbesitzer - wiederum im Riesenformat. Allein an der Ruhr standen seit Ende der 70er Jahre rund 12 000 Hektar ehemaliger Zechenflächen bereit, rund 7000 wurden bereits entwickelt - zu Industriegebieten oft für Logistikanbieter, Kulturzentren oder Naherholungsgebieten rund um ehemalige Bergehalden. Mit Photovoltaikanlagen an der Saar, einem Biomassepark auf Zeche Hugo in Gelsenkirchen oder der Nutzung von Grubenwasserwärme wie auf Zollverein in Essen knüpfen die Zechen an ihre Tradition als Energieerzeuger an. Eine Nutzung als Pumpspeicherkraft untersuchen Wissenschaftler derzeit. Die Verwertung der Zechengelände geht weiter. Insgesamt wird die RAG nach 2018 noch 300 bis 400 Menschen weiterbeschäftigen, sagt der Chef der RAG-Stiftung, Werner Müller.

Kultur: „Glückauf, der Steiger kommt“, dieses Lied kannte im Ruhrgebiet lange jedes Schulkind. Damit die Erinnerung an die Kultur des Bergbaus nicht verloren geht, fördert die RAG mit 7,5 Millionen Euro im Jahr Chöre, Orchester, bergbaunahe Kultureinrichtungen und das große Bergbaumuseum in Bochum, das ausgebaut werden soll. Dann sollen künftig auch die richtig großen Maschinen von unter Tage im Museum zu bestaunen sein.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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