Industrie 4.0

Schicksalsfrage Digitalisierung

In Europa hat Deutschlands Industrie die Nase vorne. Doch die Herausforderungen von Digitalisierung und Industrie 4.0 müssen angepackt werden, wenn wir nicht zurückfallen wollen..
  • Detlef Wetzel
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Das Tablet als Werkzeug: Die Industrie muss den Fortschritt mitmachen, wenn sie nicht den Anschluss verlieren will. Quelle: dpa

Das Tablet als Werkzeug: Die Industrie muss den Fortschritt mitmachen, wenn sie nicht den Anschluss verlieren will.

(Foto: dpa)

Wer erinnert sich noch an die Dotcom-Blase? Als sie platzte, kollabierte auch eine naive Vorstellung über die künftige wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands. Die Dienstleistungsgesellschaft wurde als neues Ideal gefeiert. Die Industrie galt als Auslaufmodell.

Heute zeigt sich ein anderes Bild: Deutschland ist das einzige Land, das seit 1995 seinen Industrieanteil am Bruttosozialprodukt erhöhen konnte. Dienstleistungsberufe sind nicht anstelle der Industrie entstanden, sondern als ihr wesentlicher Teil. Zusammen mit den produktionsnahen industriellen Dienstleistungen hängen 60 Prozent des Produktionswerts direkt oder indirekt vom Industriesektor ab. Die industrielle Wertschöpfung ist damit für Wohlstand und politische Stabilität von größter Bedeutung.

Es ist aber kein Naturgesetz, dass die Industrie auch in Zukunft der Motor für gute Arbeit, Innovationen und Wachstum bleibt. Fachkräftesicherung, Digitalisierung, Energiewende und Investitionsstau stellen uns vor neue Herausforderungen. Es ist eine Schicksalsfrage: Nur wenn wir die Zukunft der Industrie sichern, sichern wir auch die Zukunft Deutschlands. Das gelingt nur mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung von Staat, Arbeitgebern und Gewerkschaften. Deshalb hat die IG Metall ein Bündnis für Industrie initiiert. Es steht für eine offensive Weiterentwicklung des Industriestandorts Deutschland. Es ist ein Bündnis für gute Arbeit, Wachstum und Wohlstand. Damit wollen wir Kompetenzen bündeln und Netzwerke schaffen, um unsere Industrie modern zu gestalten.

Detlef Wetzel: Der Autor ist Erster Vorsitzender der IG Metall. Quelle: AFP

Detlef Wetzel: Der Autor ist Erster Vorsitzender der IG Metall.

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Digitalisierung und Industrie 4.0 sind die größte Herausforderung. Die IG Metall wird die technologische Entwicklung im Interesse der Beschäftigten gestalten. Wir benötigen ein neues Leitbild für gute digitale Arbeit, um die Risiken der Digitalisierung zu begrenzen. Doch auch deren Chancen liegen auf der Hand: Eine Humanisierung der Arbeitswelt ist ebenso möglich, wie eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Die Veränderung von Arbeit benötigt neue Qualifizierungs- und Weiterbildungsstrategien. Die vierte industrielle Revolution muss von einer Bildungs- und Qualifizierungsrevolution begleitet werden. Es gilt, die duale Ausbildung zu stärken, um die Facharbeiter der Zukunft mit der digitalen Produktionsweise vertraut zu machen. Wir brauchen auch ein Qualifizierungssystem, das allen Beschäftigten passende Weiterbildungsangebote unterbreitet und die weiterqualifiziert, deren Tätigkeiten von Automatisierung bedroht sind.

Digitalisierung ist Chefsache
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Industrie 4.0: Unter diesem Schlagwort werden Digitalisierung und Datenaustausch das Produkt- und Serviceangebot der Firmen revolutionieren und letztlich Kundenbedürfnisse besser erfüllen. Um die Potenziale auszuschöpfen, sind erhebliche Investitionen erforderlich. Daher nimmt das Thema zwingend einen Spitzenplatz auf der Agenda der Chefs deutscher Industrieunternehmen ein. Auch bei Messen wie im Bild der in Hannover rückt das Thema klar in den Fokus.

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Milliarden-Investitionen: Die befragten Industrieunternehmen werden in den nächsten fünf Jahren etwa die Hälfte ihrer geplanten Ausrüstungsinvestitionen in Industrie-4.0-Lösungen lenken. Bezogen auf die deutsche Industrielandschaft wären das mehr als 40 Milliarden Euro pro Jahr.

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An der richtigen Stelle investieren: Die Industrie muss mit immer weniger Rohstoffen und Energie immer größere Mengen Güter produzieren. Die Unternehmen versprechen sich durch eine Digitalisierung der Wertschöpfungsketten jährliche Effizienzsteigerungen von 3,3 Prozent, das macht 18 Prozent in den nächsten fünf Jahren. Die Kosten sollen um 2,6 Prozent pro Jahr sinken.

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Die Vorreiter der Industrie 4.0 profitieren bereits: Bislang haben rund 30 Prozent der Unternehmen ihre Produkte bereits weitgehend digitalisiert und ihr Angebot hin zu vernetzten und digitalisierten Dienstleistungen ausgebaut. Diese Unternehmen sind in den vergangenen drei Jahren überdurchschnittlich gewachsen. Das zusätzliche Umsatzpotenzial in den fünf industriellen Kernbranchen beziffert die Studie auf 30 Milliarden Euro.

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Neudenken: Industrie 4.0 wird bestehende Geschäftsmodelle nachhaltig verändern und neue digitale Geschäftsmodell hervorbringen. Die Unternehmen vernetzen sich mit Kunden und Partnern. Die besondere Qualität des digitalen Wandels liegt dabei in der rasanten Beschleunigung der Veränderungsgeschwindigkeit. Disruptive Innovationen - das sind Erfindungen, die ihre Vorgängertechniken vollständig verdrängen - führen dazu, dass sich ganze Industrien in kurzer Zeit nachhaltig verändern.

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Die richtige Kennzeichnung: In fünf Jahren wird die Fähigkeit zur effizienten Analyse und Nutzung von Daten entscheidend für die Geschäftsmodelle der Unternehmen sein. Dabei liegt der Fokus auf dem Datenaustausch in der eigenen Wertschöpfungskette, der digitalen Kennzeichnung der Produkte und der Nutzung von Echtzeitdaten zur Steuerung der Produktion.

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Auf die Mitarbeiter kommt es an: Um Champions in der Industrie 4.0 zu werden, müssen die Unternehmen zahlreiche Herausforderungen meistern. Im Zentrum stehen dabei die hohen Investitionen und eine häufig noch unklare Wirtschaftlichkeitsrechnung für neue Anwendungen. Zudem müssen die Mitarbeiter für die Anforderungen der digitalen Welt qualifiziert und Aufgaben im Bereich der Datensicherheit gelöst werden.

Notwendig ist auch ein rascher Ausbau der digitalen Infrastruktur. Vor allem der Breitbandausbau muss schnell umgesetzt werden. Investierende Unternehmen müssen gezielt gefördert werden. Verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten oder Investitionszulagen für Investitionen können zum Gelingen der Industrie 4.0 beitragen. Ein New Deal für Technologie- und Investitionsförderung sollte daher elementarer Bestandteil des Bündnisses für Industrie sein. Die Botschaft des Bündnisses ist: Gemeinsam können wir eine moderne Industrie gestalten. Wenn das auch von der Öffentlichkeit anerkannt wird, haben wir viel erreicht.

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