Japan
In der Atomfalle

Die Regierung in Tokio will die Atomkraft gegen die Bevölkerung durchsetzen. Doch damit droht dem Land eine energiepolitische Sackgasse.
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Japans Regierungschef Shinzo Abe hat einen Traum. Derzeit ist sein Land atomstromfrei. Aber er will das ändern. Gegen den Willen der Mehrheit setzt der Atomfreund darauf, möglichst viele der 50 abgeschalteten Atomreaktoren wieder einzuschalten.

Auf den ersten Blick sind die Voraussetzungen blendend. Um die Atomstromlücke zu füllen, muss Japan deutlich mehr Gas, Öl und Kohle importieren. Da die inflationäre Wirtschaftspolitik den Yen-Kurs fallen lässt, steigen die Kosten rapide. Dies drückt die Handelsbilanz ins Minus und die Strompreise nach oben.

Auch der Klimaschutz spricht für den Rückzug auf Raten. Ohne den dereinst geplanten Ausbau der Atomenergie wird Japan 2020 nicht wie versprochen 25 Prozent weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre pusten, sondern drei Prozent mehr. Zudem besitzt Abe als erster Regierungschef in beiden Kammern des Parlaments eine solide Mehrheit. Nach der Papierform könnte er daher Japan einfach auf Atomkurs trimmen - wäre da nicht ein kleines Paradox: So zahm die Bevölkerung sich auf nationaler Ebene auch gibt, so zäh ist der Widerstand der stillen Mehrheit vor Ort gegen die Wiederinbetriebnahme von Atomkraftwerken.

Japans korrupte Atomlobby hat zur Genüge bewiesen, dass sie AKWs in Erdbebengebieten nicht sicher betreiben kann. Der immense humane und finanzielle Fall-out der Atomkatastrophe zeigt den Menschen zudem, dass diese Energieform tot wäre, wenn es wirklich marktwirtschaftlich zuginge und die Industrie und nicht der Steuerzahler die Kosten tragen würde.

Abe droht so politisches und wirtschaftliches Kapital in einem langen innenpolitischen Zermürbungskrieg zu verpulvern. Bis heute hat er nicht den Mut gefunden, dem Land ein energiepolitisches Ziel zu geben. Das hemmt den Vorstoß von Japans Firmen bei grünen Techniken und Energien.

Abes Mentor und Amtsvorgänger Junichiro Koizumi fordert, Volk und Firmen mutig in ein Zeitalter erneuerbarer Energien zu führen. Abe sollte besser auf den Gönner hören. Wenn Japan seine Kräfte bündelt, könnte es zu einem Rivalen Deutschlands auf dem Weg in eine atomstromfreie Gesellschaft werden. Bleibt er sich selbst und seiner Atomlobby treu, droht er das Land energiepolitisch in eine Sackgasse zu führen.

Martin Kölling, Handelsblatt-Redakteur und Korrespondent in Tokio. Quelle: privat
Martin Kölling
Handelsblatt / Asien-Korrespondent
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