Kapazitätsmärkte
Hilfe für Kraftwerke ist umstritten

Die Branche sorgt sich um die Zuverlässigkeit der Stromversorgung. Kraftwerks-Betreiber sollen dafür honoriert werden, Stromreserven bereitzuhalten. Doch Kritiker warnen vor den Kosten.
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Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat schon vor Wochen klargemacht, ein "Hartz IV für alte Kohlekraftwerke" werde es mit ihm nicht geben. Auch in der Wirtschaft mehren sich Stimmen, die vor Rettungsmaßnahmen für Kraftwerke warnen. Die Anlagenbetreiber sind alarmiert. Sie befürchten, dass ihre Vorschläge zum Erhalt von Kraftwerken nicht umgesetzt werden.

Seit Jahren weisen die Betreiber von Kohle- und Gaskraftwerken auf ihre Probleme hin: Mit dem rasant wachsenden Anteil von Wind- und Sonnenstrom sinkt die Auslastung ihrer Anlagen stetig. Wenn an manchen Tagen Wind- und Sonnenstrom die Strombörse fluten, fallen die Strompreise ins Bodenlose. Es wäre viel zu teuer, Kohle oder Gas zu verfeuern. Also bleiben die Kraftwerke aus. Die Unternehmen schreiben rote Zahlen und können die Kosten für ihre Investitionen nicht mehr reinholen. Der Bundesnetzagentur liegen 49 Anträge auf Kraftwerksstilllegungen vor.

Doch ohne die Gas- und Kohlekraftwerke geht es nicht. Denn wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, müssen sie parat stehen und die Stromversorgung sicherstellen. Daher soll die Politik dabei helfen, die Kraftwerke zu erhalten. Das Zauberwort heißt "Kapazitätsmärkte": Die Betreiber sollen dafür honoriert werden, Kraftwerkskapazitäten bereitzuhalten. Die erforderlichen Kapazitäten sollen auktioniert werden. Wer sie zum niedrigsten Preis bereithält, soll den Zuschlag bekommen. Kann ein Betreiber die Kapazitätszusagen nicht einhalten, drohen empfindliche Strafzahlungen.

Doch die Skepsis wächst. Kritiker sehen die Gefahr, dass die Kapazitätsmarkt-Lösung als Rettungsschirm missbraucht wird. Aus Sicht von Fritz Brickwedde ist die Sache daher eindeutig: "Die Forderungen nach Kapazitätsmärkten lehnen wir klar ab", sagt der Präsident des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE). Er fürchtet jährlich wiederkehrende Milliardenbelastungen. Er spricht sich daher für eine kleine Lösung aus: Brickwedde propagiert eine "strategische Reserve".

Eine staatliche Stelle, etwa die Bundesnetzagentur, würde jährlich den Bedarf an Kraftwerken definieren, die für die Sicherstellung der Versorgung unerlässlich sind. Diese Anlagen würden dann bezuschusst. Brickwedde beziffert den jährlichen Kostenaufwand auf "140 bis 200 Millionen Euro". "Wir sollten vorsichtig sein, ehe wir Kraftwerksbetreibern Milliardenbeträge hinterherwerfen", warnt er. Brickwedde steht mit seiner Skepsis nicht allein da. Auch beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) gibt es erhebliche Vorbehalte.

Die Betreiber von Kohle- und Gaskraftwerken werden durch die Entwicklung vor erhebliche Herausforderungen gestellt. So kämpfen der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) und der Verband der Kommunalen Unternehmen (VKU), in dem die Stadtwerke zusammengeschlossen sind, seit vergangenem Jahr für ihr gemeinsam entwickeltes Kapazitätsmarkt-Modell. Zwischenzeitlich hatte es so ausgesehen, als könnten sie sich durchsetzen, doch nun verschaffen sich die Kritiker Gehör.

Der Stimmungswandel versetzt den BDEW in Alarmbereitschaft. "Einige Vertreter der Industrieverbände scheinen die wachsende Dramatik auf dem Kraftwerksmarkt immer noch zu unterschätzen - und das, obwohl ihre Mitgliedsunternehmen auf eine jederzeit sichere Stromversorgung dringend angewiesen sind", sagte BDEW-Hauptgeschäftsführerin Hildegard Müller kürzlich.

Der BDEW verweist auf Studien, die das Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegeben hat. Sie belegen aus Sicht des Verbands, dass sein Kapazitätsmarkt-Modell praktikabel und kostengünstig sei. Allerdings liefern die umfassenden Papiere, die das Ministerium Ende Juli vorstellte, auch den Gegnern Argumente. Wie sich Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) entscheiden wird, ist noch nicht absehbar.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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