Kernkraftwerke
Das Geschäft mit der Stilllegung

Der Rückbau eines Kernkraftwerks ist ein langwieriger Prozess. Vor allem ab 2016 erwarten Spezialfirmen hier einen regelrechten Auftragsboom. Die Energiekonzerne haben dafür schon 33 Milliarden Euro auf der hohen Kante.
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Düsseldorf, BerlinUlf Kutscher, Vorsitzender der Geschäftsführung von Nukem Technologies, rechnet "zwischen 2016 bis 2018 in Deutschland mit zusätzlichen größeren Aufträgen". Dann sind die betroffenen Kernkraftwerke frei von Kernbrennstoffen und können nach und nach abgebaut werden, sagt der Chef eines der größten Anbieter im europäischen Rückbaugeschäft.

In Deutschland beschloss die Bundesregierung zwar schon 2011 nach dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima die Energiewende. Sie entschied, acht Atomkraftwerke sofort und die restlichen neun bis Ende 2022 abzuschalten.

Doch der Rückbau eines Atomkraftwerks ist ein langwieriger Genehmigungs- und Entsorgungsprozess. Nach der endgültigen Abschaltung läuft der Nachbetrieb, und dann muss erst einmal die Abklingzeit der Brennelemente abgewartet werden. Das kann fünf bis sieben Jahre dauern. Erst danach kann der schrittweise Rückbau des Kraftwerks beginnen. Der kann gut 15 Jahre dauern.

Beispiel Greifswald: Das staatliche Unternehmen EWN hat bereits 1995 mit dem Rückbau der fünf Atomreaktoren am alten DDR-Standort Greifswald begonnen. "Wir wollen etwa bis 2015/2016 alle Anlagen ausgeräumt haben", sagte eine Unternehmenssprecherin.

Die Kosten pro Kraftwerk schwanken "zwischen 200 und 900 Millionen Euro", sagt Kutscher von Nukem. Das hänge von der Größe und dem Typ der Anlage ab. Nach einer früheren Analyse der Unternehmensberatung Arthur D. Little (ADL) müssen Eon, RWE, EnBW und Vattenfall mindestens 18 Milliarden Euro ausgeben, um die 17 Anlagen in Deutschland abzureißen.

Die gesetzlich vorgeschriebenen Rückstellungen der Energiekonzerne für Stilllegung, Rückbau und Entsorgung erreichen derzeit eine Höhe von rund 33 Milliarden Euro. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervor, die dem Handelsblatt vorliegt. Danach hat Eon bis Ende 2012 Rückstellungen in Höhe von knapp 14 Milliarden gebildet.

Die Umweltorganisation Greenpeace hat in einer Studie mit dem Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) sogar Kosten von insgesamt 44 Milliarden Euro ausgerechnet. "Wir sehen zusätzlich rund zehn Milliarden Euro unabsehbare Folgekosten für den Rückbau und die Entsorgung der Atomkraftwerke", sagte Thomas Breuer, Leiter des Klima- und Energiebereichs von Greenpeace.

In Europa laufen derzeit rund 50 Stilllegungsprojekte. Hinzu kommen künftig die acht deutschen Kraftwerke, die schon abgeschaltet sind. Es dürften noch weitere in Europa hinzukommen, denn viele Reaktoren der ersten Generation sind zu alt für einen wirtschaftlichen Betrieb.

Der Autor ist Ressortleiter Wirtschaft und Politik.
Thomas Sigmund
Handelsblatt / Ressortleiter Politik und Leiter des Hauptstadtbüros
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