Kommentar
Mehr Stabilität in der Energieversorgung

Einige Staaten könnten handfeste Probleme bekommen, wenn ihre Absatzsicherheit nicht mehr gegeben ist. EUCERS-Direktor Friedbert Pflüger mahnt einen vertrauensvollen Dialog und eine berechenbare Energiepolitik an.
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Vor einhundert Jahren, am 18. Juli 1913, forderte der Erste Lord der Admiralität, Winston Churchill, dass die Königliche Marine nicht mehr mit heimischer Kohle, sondern mit persischem Öl fahren sollte, um schneller als die deutschen Kriegsschiffe zu werden. London dürfe sich aber nie "von einem Ölfeld, einem Land oder einer Route abhängig machen". Damit formulierte er das Grundgesetz der Energiesicherheit: Diversifizierung, um Versorgung mit bezahlbarer Energie zu jedem Zeitpunkt zu gewährleisten.

Churchills Mahnung wurde bald vergessen. Das Ölembargo der Opec 1973 zeigte die Abhängigkeit der Industriestaaten des Westens von Öl aus dem Mittleren Osten. Die beiden russisch-ukrainischen Gaskrisen 2005/06 und 2009, als Russland durch Einstellung der Gaslieferungen tiefe Versorgungskrisen in Mitteleuropa hervorrief, führten dazu, dass die EU das Thema Energiesicherheit entdeckte. Sie forderte eine stärkere Vielfalt der europäischen Gasimporte. Zukünftig sollte Gas aus Aserbaidschan über eine neue Pipeline im "südlichen Korridor" nach Europa transportiert werden. Lange galt in Europa die Pipeline Nabucco als Synonym für die angestrebte Importvielfalt, im Juni 2013 aber entschied sich das gasfördernde "Shah Deniz"-Konsortium in Baku für die Alternativroute über Griechenland, Albanien und Italien: die Trans Adria Pipeline (TAP).

Die USA gingen noch weiter. Mit dem "Project Independence" im November 1973 strebten sie - als Folge des Opec-Embargos - nicht nur Diversifizierung an, sondern Energieunabhängigkeit. 40 Jahre später ist das keine Utopie mehr, sondern eine reale Perspektive für die nächsten zehn Jahre: Durch die Schieferrevolution dürften die USA schon bald auf Importe von Gas und Öl verzichten können. Damit aber rückt eine andere Dimension der Energiesicherheit in den Mittelpunkt, die Churchill noch nicht bedenken konnte - und die auch heute in den europäischen Ländern oft vergessen wird: Für die Öl und Gas produzierenden Länder wie Russland, Nigeria, Saudi-Arabien oder Katar bedeutet Energiesicherheit nämlich nicht Versorgungs-, sondern Absatzsicherheit.

Solange die Welt überzeugt war, dass die Öl- und Gasvorräte zu Ende gehen, konnte man in den Exportländern sicher sein, durch steigende Energiepreise wachsende Einkünfte zu erzielen. Mit dem Beginn der Förderung von Reserven im nordamerikanischen Schiefergestein hat sich dies fundamental geändert. Durch zusätzliche Mengen fossiler Energie auf den Märkten wird Druck auf das bisherige Preisgefüge entstehen.

Wenn aber der Ölpreis von knapp über 100 Dollar um nur 15 Prozent sinken sollte, könnten manche Förderländer ihre Haushalte nicht mehr ausgleichen. Dies gilt für Russland, aber auch für die meisten Förderländer im Mittleren Osten. Eine geringe Abwärtsbewegung des Ölpreises könnte deshalb in einigen Staaten zu finanziellen und politischen Verwerfungen führen - an denen niemand ein Interesse haben kann. Es ist für Europa daher notwendig, das Interesse der Förderländer an Absatzsicherheit stärker zu bedenken. Nur ein vertrauensvoller Dialog und eine berechenbare Energiepolitik können die Stabilität schaffen, um Wachstum und Arbeitsplätze zu sichern.

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