Mit etwas Größenwahn
Bürger nehmen Energiewende in die Hand

Jede zweite Kilowattstunde Ökostrom stammt aus Anlagen in Bürgerhand. Das Engagement geht längst über einzelne Windräder hinaus, wird aus Expertensicht politisch aber ausgebremst. Die Bürger reagieren mit Idealismus – und ein wenig Größenwahn.
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Berlin/FeldheimFeldheim ist ein wenig wie das berühmte gallische Dorf. Die 135 Einwohner behaupten sich gegen ein schier übermächtiges Imperium der großen Energiekonzerne – mit ihrem eigenen Stromnetz, mit Windmühlen, Solarpark und Biogas. „46 Häuser werden autark mit Strom versorgt“, sagt Bürgermeister Michael Knape. Das meint er wörtlich, denn die Brandenburger erzeugen nicht nur Elektrizität und Wärme, sie haben auch ihr eigenes Netz gebaut. „Das hat in Deutschland noch niemand gemacht“, sagt Knape.

Dabei ist Feldheim kein Vorzeige-Ökodorf. „Die Bürger haben schon nach der wirtschaftlichen Komponente gefragt“, erinnert sich der Bürgermeister. Zuerst mussten sie gemeinsam in die Tasche greifen: 1500 Euro zahlte jeder Feldheimer für den Anschluss ans Stromnetz. Dafür hätten sie jetzt rund 40 Prozent weniger Stromkosten, sagt Knape. Eine Kilowattstunde kostet 16,6 Cent - auf dem Markt sind Preise von mehr als 26 Cent nicht ungewöhnlich.

Wie die Brandenburger nehmen in Deutschland immer mehr Bürger die Energiewende in die eigenen Hände. Einer Analyse im Auftrag der Agentur für Erneuerbare Energien zufolge stammt jede zweite Kilowattstunde Ökostrom aus Anlagen in Bürgerhand. Längst entstehen Strom und Wärme in Kuhställen in Mecklenburg-Vorpommern oder Niedersachsen. In Franken und Hessen produzieren Ökoinitiativen Windstrom. Vor den Toren Frankfurts wird Energie aus Hirse erzeugt - und Bier im Allgäu ausschließlich mit erneuerbaren Energien gebraut.

Besonders das Genossenschaftsmodell boomt. 888 Energie-Genossenschaften gibt das Kölner Klaus-Novy-Institut für 2013 an. Ihre Zahl habe sich in den vergangenen fünf Jahren mehr als versechsfacht. „Die Energiegenossenschaften spielen insbesondere bei der Finanzierung der erneuerbaren Energien eine bedeutsame Rolle“, erläutert auch die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert. Derzeit sehe es aber so aus, als wolle die Politik die Energiewende ausbremsen, warnt die Expertin.

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