Ölangebot
„Schwarzes Gold“ im Überfluss

Über Jahrzehnte wachte die Opec über das fragile Gefüge aus Erdöl-Fördermenge, Nachfrage und Marktpreis. Doch die einstige Marktmacht bröckelt. Nicht zuletzt, weil Öl in den Industrieländern um seinen Stellenwert bangt.
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Wien/DüsseldorfErhöht die Opec die Fördermenge? Einst war das die entscheidende Frage vor jeder Opec-Tagung. Doch dem jüngsten Treffen der zwölf Mitglieder des Ölkartells in Wien sahen Volkswirte und Analysten gelassen entgegen – aus zwei Gründen: Das Ölangebot übersteigt schon heute die Nachfrage. Und der Rohstoff insgesamt verliert an Bedeutung.

Zwar wurden 2012 täglich 900.000 Barrel (1 Barrel = 159 Liter) mehr nachgefragt als 2011. Doch die Produktion stieg um 1,9 Millionen Barrel und damit mehr als doppelt so schnell. Auch künftig wird sich am Überangebot wenig ändern: Nach Prognosen der Opec steigt die US-Schieferölproduktion in den nächsten fünf Jahren auf fast fünf Millionen Barrel täglich. Auch das Kartell wird seine Fördermenge bis 2035 um zehn Millionen Barrel auf 47 Millionen Barrel pro Tag steigern.

Für die Opec, die an hohen Ölpreisen interessiert ist, ist diese Entwicklung gefährlich. Denn wie schon geringfügig höhere Fördermengen die Notierungen abstürzen lassen, zeigte sich eindrucksvoll zwischen Juli und Dezember 2008. Damals brach der Ölpreis von seinem historischen Höchststand bei 147 Dollar pro Barrel um 77 Prozent auf 33 Dollar ein. Die tatsächliche Nachfrage war zwar um weniger als ein Prozent gesunken. Doch weil gleichzeitig die Weltwirtschaft einbrach und die Produktionsmengen konstant blieben, geriet der Markt aus den Fugen.

Bedrohlich für die Opec ist auch, dass die Bedeutung des Öls in den Industrienationen sinkt. Wurde etwa 1973 noch ein Drittel der weltweiten Raffinerieproduktion als Heizöl verfeuert, sind es heute nur noch rund 13 Prozent. Bei der Erzeugung von Wärme und Strom dominieren andere Energieträger. Gas deckt heute ein Viertel des Primärenergiebedarfs der in der OECD zusammengeschlossenen Industrieländer, Kohle fast ein Fünftel. Rasant an Bedeutung gewonnen hat der Anteil von Wind- und Solarenergie sowie Biokraftstoffen mit zusammen inzwischen neun Prozent. Die Atomenergie kommt auf fast zehn Prozent.

Es sind vor allem die Schwellenländer, die die Entwicklung in den Industriestaaten kompensieren. Während die Nachfrage in den USA seit 2000 um gut sieben Prozent gesunken ist, legte sie in China um 77 Prozent zu. Doch für den Westen verliert die Opec zunehmend an Bedeutung. EU-Energiekommissar Günther Oettinger geht deshalb davon aus, dass die USA mittelfristig ihr militärisches Engagement im Nahen Osten und in der Golfregion beenden könnten. Denn die Weltmacht fördere schon heute mehr Gas als Russland und schon bald mehr Öl als Saudi-Arabien. Welches Interesse sollte sie also noch an der Sicherung der arabischen Opec-Staaten haben?

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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