Stromleitungen
Eine Schneise durch die Landschaft

Pionierarbeit für die Energiewende in Deutschland: Neue Stromtrassen sollen in den Boden, fordern Umweltschützer. Im Münsterland läuft das erste Erdkabelprojekt – und stößt auch auf Widerstand.
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Auf der Bundesstraße B 70 im Münsterland fließt der Verkehr. Drei Meter unter der Betondecke wird aber fleißig gearbeitet. Bauarbeiter bohren, drücken, pressen. Zentimeter für Zentimeter treiben sie 14 dicke Leerrohre durch das Erdreich. Die Arbeiten sind anstrengend und langwierig. Im Juli haben die Bohrungen an der Weseler Straße begonnen, Ende September werden die Stangen endlich verlegt sein.

So mühsam kann die Energiewende sein. Durch die Leerrohre werden ab Herbst Hochleistungskabel gezogen: 14 Zentimeter dick und 380 Kilovolt stark. Durch die zwölf Stränge, zwei Leerrohre sind für Datenleitungen gedacht, wird später Strom fließen, den große Windparks vor der Nordseeküste produzieren.

Im Norden wird er gar nicht gebraucht, dafür aber im Süden, wo viele Fabriken stehen und Kernkraftwerke abgeschalten werden. Die Leitung hat insgesamt eine Kapazität von 3,5 Gigawatt und wird damit genug Strom transportieren können, um 3,5 Millionen Haushalte zu versorgen.

Das Besondere: Die Leitung verläuft auf einer Strecke von 3,4 Kilometern unter der Erde. Hier, im Gebiet der 9000-Einwohner-Gemeinde Raesfeld, wird Pionierarbeit für die Energiewende geleistet. Netzbetreiber Amprion testet, wie leicht sich die neuen Stromtrassen im Erdreich vergraben lassen – und damit aus dem Sichtfeld der Anwohner verschwinden.

Ein erstes Fazit kann Klaus Kleinekorte, der technische Geschäftsführer, schon ziehen: „Wir müssen heute feststellen: Es ist kein leichtes Geschäft, ein Kabel unter der Erde zu verlegen.“

Die Worte sind an all die Bürgerinitiativen gerichtet, die sich quer durch Deutschland formieren und die neuen Höchstspannungsleitungen am liebsten gar nicht in ihrer Umgebung haben wollen. Wenn es sich nicht vermeiden lässt, dann bitte schön unter der Erde verbuddelt. Raus aus der Landschaft, und einen Schutz vor potenziellem Elektrosmog sollen sie auch haben.

Gleichstrompassage Süd-Ost besonders umstritten

Der Widerstand, der sich bundesweit formiert, gefährdet ein Kernprojekt der Energiewende. In den nächsten zehn Jahren müssen rund 4 000 Kilometer an neuen Leitungen verlegt werden, weil dann alle Kernkraftwerke vom Netz sind und mehr als 35 Prozent des Stroms mit Wind- und Solaranlagen produziert werden. Rund 20 Milliarden Euro wird das kosten.

Besonders vier große, komplett neue Hochleistungstrassen erregen den Zorn der Anlieger. Eine davon ist besonders umstritten: die Gleichstrompassage Süd-Ost. Sie soll über 450 Kilometer Strom aus Ostdeutschland nach Oberbayern transportieren. Zuständig ist Amprion. Als die Anwohner Anfang des Jahres informiert wurden, organisierten sie innerhalb weniger Wochen massiven Widerstand. Eine Bürgerinitiative entstand nach der anderen, auf den Straßen wurde demonstriert, und in Turnhallen wurden Vertreter von Amprion genauso ausgebuht wie die der Bundesnetzagentur. Immer wieder verlautete der gleiche Zweiklang: Eigentlich wollen wir die Leitung gar nicht – und wenn doch, dann ein Erdkabel.

Kosten dürften weiter steigen

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer nahm die Proteste sofort auf und verhängte ein Moratorium. Im Sommer dann sah sich auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel auf einer Veranstaltung in Nürnberg zu Zugeständnissen gezwungen. Man könne „nicht jedes kleine Dorf mit einer 380-KV-Freileitung einkreisen“, sagte Gabriel. Er versprach, nicht nur den Trassenverlauf zu überprüfen, sondern auch mehr Erdkabel.

Das dürfte die ohnehin hohen Kosten weiter nach oben treiben. In Raesfeld würde ein Kilometer 1,4 Millionen Euro kosten, wenn die Leitungen an Masten hingen. Die teilweise Verlegung unter der Erde schlägt dagegen mit acht Millionen Euro pro Kilometer zu Buche.

Amprion-Chef Kleinekorte kann das pragmatisch sehen. Wenn das politisch gewollt ist, wird er sich weitere Vorhaben von der Bundesnetzagentur genehmigen lassen und die Kosten auf die Stromkunden umlegen. „Natürlich kann man mit viel Aufwand und viel Geld jede Anlage bauen, aber ob das sinnvoll ist, ist eine andere Frage“, sagt er.

Für Kleinekorte stellt sich diese Frage aber nicht nur finanziell: „Auch ein Erdkabel greift in die Natur ein“, sagt er.

Und wie: In Raesfeld haben die Bauarbeiter eine Schneise von 40 Meter Breite in die Felder geschlagen. Gut 20 Meter benötigen sie für die Bauarbeiten an sich und den Platz daneben, um den Aushub zwischenzulagern. Liegen die Rohre endlich in der Erde, muss der Boden wieder Schicht für Schicht aufgebracht werden.

Am Start- und Endpunkt stehen fußballfeldgroße Übergabestationen, also Umspannwerke, mit denen die Kabel von den Masten in die Erde geleitet werden.

Die Bauarbeiten sind für die Anwohner eine Belastung. 60 bis 80 Arbeiter treiben in vier Kolonnen das Projekt voran. Dazu kommen drei Sonderbaustellen, die Hindernisse wie die B70 bewältigen sollen. Es wird an vielen Stellen gleichzeitig gearbeitet, damit die Leerrohre vor dem Frost verlegt sind, anschließend werden die Kabel durchgezogen.

Kabel wird bis zu 50 Grad warm

Ein Bauernhof muss eine improvisierte Mischfabrik dulden, in der ein Teil der ausgehoben Erde mit Tonmineralien und Zement zu einem Flüssigboden vermengt wird. Der ist nötig, um die hohen Temperaturen, die beim Stromtransport entstehen, abzumildern. Immerhin 50 Grad warm wird das Kabel. Der Mischmeister muss ständig neue Rezepte anrühren, so unterschiedlich sind die Bodenverhältnisse.

„Wir waren schon überrascht, als wir erstmals gesehen haben, wie viel Aufwand nötig ist“, sagt Andreas Grotendorst, Bürgermeister von Raesfeld.

Natürlich sei vor ein paar Jahren, als die Pläne für eine neue Höchstspannungsleitung durchsickerten, die Aufregung groß gewesen. Sofort habe sich eine kleine Bürgerinitiative gegründet. Und natürlich seien die Raesfelder erst einmal erleichtert gewesen, als klar wurde, dass das Kabel hier unter der Erde vergraben wird.

„Inzwischen ist die Euphorie aber nicht mehr so groß“, sagt Grotendorst, „es wächst die Skepsis.“ Die Breite der Schneise, die Menge an Erde, die bewegt wird, das Ausmaß der Bauarbeiten, all das habe die Bürger überrascht.

Wissenschaftler begleiten das Projekt

Während sich die Anlieger freuen, dass die Landschaft nicht durch 70 Meter hohe Masten verschandelt wird, macht sich eine andere Gruppe große Sorgen: die Landwirte. Wachsen auf der Schneise denn auch wieder Mais und Getreide? Funktionieren die Dränagen wieder, die durch die Bauarbeiten durchschnitten werden?

Wissenschaftler begleiten das Projekt. Auf Vergleichsflächen werden Nutzpflanzen angebaut. Sensoren messen Feuchtigkeit und Temperaturen. Selbst die Zahl der Regenwurmkanäle wird stichprobenartig verglichen.

„Vereinzelt höre ich schon die Frage: Ist das alles denn noch verhältnismäßig?“, sagt Grotendorst.

Dabei sind hier in Raesfeld die Bedingungen noch vergleichsweise günstig. Es ist flach, die Trasse führt durch freie Felder. Es gibt nur wenige Straßen und Gewässer, die gekreuzt werden. Im Mittelgebirge sieht das schon anders aus, und wenn in Wäldern ein Erdkabel verlegt würde, dürfte auf einer Schneise von 20 Metern nie wieder ein Baum wachsen.

Amprion-Chef Kleinekorte rät jedenfalls zu Realismus: „Bei den großen Trassen, die neu gebaut werden, dürften aus heutiger Sicht schätzungsweise nur zehn bis zwölf Prozent der Strecke für eine Erdverkabelung überhaupt infrage kommen.“

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