„Weiter unterm Radar“
Deutsche Geothermie bleibt in der Nische

Das Anzapfen heißer Quellen und die unterirdische Erhitzung von Wasser gelten weltweit als vielversprechende „grüne“ Energieformen. In Deutschland kommt die Geothermie jedoch nicht so recht vom Fleck.
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BerlinDie brodelnde Hitze schlummert meist in großer Tiefe. Heiße Quellen im Erdinneren oder Gestein, in dem sich eingepresstes Wasser wie in einem Kochkessel bis zum Siedepunkt erwärmt, gehören in vielen Ländern zu den Hoffnungsträgern beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Die Geothermie in Deutschland lässt sich nicht mit derjenigen in Gebieten hoher vulkanischer Aktivität wie Island oder Mittelamerika vergleichen. Das Erdwärme-Potenzial wird aber auch bei uns als groß eingeschätzt – und fristet dennoch ein Nischendasein.

Die Branche fürchtet, dass sich daran auf absehbare Zeit nichts ändern wird. Zwar kommt die kostenintensive Technik bei den geplanten Förderkürzungen im Vergleich zu anderen erneuerbaren Trägern relativ glimpflich davon. „Die Geothermie fliegt aber weiter unterm Radar“, sagt Erwin Knapek, Präsident des Bundesverbands Geothermie (GtV).

Die im Kabinettsentwurf zum novellierten Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vorgesehene Abschmelzung der Subventionen – ab Anfang 2018 um fünf Prozent jährlich – höre sich verkraftbar an. „Trotzdem sieht das nur nach einer scheinbaren Rettung der Geothermie aus“, meint Knapek.

Im Prinzip blieben die Aussichten nicht schlecht. So habe die Geothermie wichtige Vorteile gegenüber der witterungsabhängigen Wind- und Solarkraft: Die Wärme aus dem Untergrund ist konstant verfügbar, lässt sich zudem gut speichern und könnte daher bei entsprechend hoher Nutzung helfen, gefährliche Netzschwankungen auszugleichen.

Doch ihre Verbreitung kommt in der Bundesrepublik eher schleppend voran. Waren vor zwei Jahren 19 Geothermie-Anlagen mit Bohrtiefen von über 400 Metern im Einsatz, betrug ihre Zahl nach GtV-Angaben zuletzt 27. Die Wärmeleistung liegt derzeit bei 248, die Stromleistung bei 31 Megawatt. „Das ist zwar ein Schritt nach vorne“, sagt Knapek - zumal Verbraucher und Unternehmen mit Erdwärme-Heizungen auch die oberflächennahe Geothermie mehr nutzten. Ihr Anteil am gesamten erneuerbaren Wärmeangebot erreiche inzwischen 6,5 Prozent.

Von einem Durchbruch könne man allerdings kaum sprechen, berichtet Wolfgang Wirth vom Zentrum für Tiefengeothermie des niedersächsischen Landesamts für Bergbau, Energie und Geologie in Celle. Einerseits bleibe die Grundstimmung optimistisch: Für geothermische Wärme gebe es weiterhin Anreizprogramme, und anders als etwa bei der Windkraft wurde keine verbindliche Begrenzung des Ausbaus festgelegt. Jedoch signalisiere das neue EEG manchen Investoren auch das Gegenteil: „Wir haben erlebt, dass sich eine ganze Reihe von ihnen zurückziehen.“

Auch Knapek sieht Risiken. Schon Ex-Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) habe 2013 mit seiner Ankündigung, von der Geothermie einen „EEG-Soli“ zu verlangen, für Verunsicherung gesorgt: „Bis zu eine Milliarde Euro wurden seither von Investoren zurückgehalten. Ein Kraftwerk braucht aber mindestens 4 Jahre von der Erstbohrung bis zur Inbetriebnahme.“ Wenn wegen der Pflicht zur Direktvermarktung des Stroms nun bis 2018 zunächst 0,2 Cent pro Kilowattstunde mehr vergütet würden, sei das bloß ein Tropfen auf den heißen Stein.

Nach Einschätzung des Branchenverbands GtV drohen qualifizierte Ingenieure in Länder wie die Türkei abzuwandern, wo Geothermie stärker unterstützt werde. Dabei seien auch mehrere Regionen in Deutschland geologisch geeignet - vor allem das sogenannte Molassebecken in Oberbayern, der obere Rheingraben, die Pfalz oder die norddeutsche Tiefebene. In Lohmen (Mecklenburg-Vorpommern) will die Berliner Geothermis AG ein großes Kraftwerk errichten. Vorstand Florin Lolea möchte sich angesichts der laufenden Debatte um das EEG aber nicht näher zum Thema äußern.

Indes könne die Geothermie auch für den Klimaschutz viel tun. Eine Anlage in Unterhaching bei München spare etwa 40.000 Tonnen CO2 pro Jahr ein, berichtet Knapek. „Das kann man überall machen.“ Doch falls die Technik in den Kinderschuhen bleibe, werde es schwierig, die bis 2030 angepeilten 5 Prozent am deutschen Gesamtstrom-Mix zu erreichen.

Eine mögliche Lösung laut Wirth: die Förderung erst etwas später zurückfahren. „Sie haben bei der Geothermie lange Planungsphasen. Wenn man schon ab 2018 kürzt, schreckt man heute Investoren ab“, glaubt der ZTG-Experte. Und Verbraucher, die über Erdwärme-Heizungen nachdenken, schauten sich genau an, ob womöglich weiter steigende Strompreise nicht effiziente Gasheizungen attraktiver machten. „Dann könnte das für die Geothermie ein Markthemmnis sein, kein Gewinn.“

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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