Windenergie
Der grüne Boom in den USA

Von wegen die Energiewende ist eine deutsche Spezialität. Wir haben ein falsches Bild von der amerikanischen Energiepolitik: Die gesamte Steigerung bei der US-Stromproduktion im Juli stammte aus erneuerbaren Quellen.
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New YorkKennen Sie das Indy 500? Ein Wahnsinnsrennen in Indianapolis, drei Stunden knallen die Autos 200-mal um den berühmten Indianapolis Motor Speedway. Umweltschutz kommt einem dabei nicht in den Sinn. Aber fast eine halbe Million Zuschauer sieht in Zukunft auch etwas anderes: die größte Solarfarm der Welt auf einer Sportanlage.

Sie ist nicht nur ein nettes, kleines Umweltprojekt für den Jahresbericht. Sie ist Teil einer amerikanischen Bewegung. Die gesamte neu zugebaute US-Stromproduktion im Juli stammt aus erneuerbaren Energien. Vor allem Wind und Sonne, aber auch Wasserkraft treiben die Umweltstatistik Amerikas ins Grüne.

Unser Bild ist ein anderes. Amerikaner ruinieren die Umwelt mit der neuen Bohrmethode Fracking und scheren sich einen Kehricht um die globale Erwärmung. Es sprudeln die Ölquellen im Golf von Mexiko, es strömt Erdgas aus den großen Schiefersteinvorkommen in Pennsylvania oder Texas.

Was wir übersehen: Die erneuerbaren Energien wachsen in beachtliche Größenordnungen. Dabei läuft Amerika nicht in die deutsche Energiewende-Falle. Wenn der Wind nicht bläst oder die Sonne nicht scheint, springen Kraftwerke ein, die statt wie in Deutschland mit Kohle mit dem umweltfreundlicheren Erdgas betrieben werden - dank Fracking gibt es preiswertes Erdgas im Überfluss.

Es ist eine Ironie: Deutschland mit seinen Umweltidealen emittiert steigende Mengen an CO2. Das Laisser-faire-Amerika dagegen ist der Musterschüler im Kampf gegen die globale Erwärmung. Es ist nicht nur an der Zeit, das Klischee der frackingverrückten Amerikaner zurechtzurücken. Sondern das amerikanische Modell bietet auch interessante Einsichten für eine Alternative zum deutschen Weg in der Energie- und Umweltpolitik.

Die Juli-Zahlen sind kein statistischer Ausreißer. Im ganzen Jahr nahmen regenerative Energiequellen stärker zu als fossile. Am wichtigsten dabei: Kein einziges Kohlekraftwerk wurde in Betrieb genommen.

Fast alle Bundesstaaten fördern mit Subventionen alternative Energien. Vorreiter ist Kalifornien mit seiner „Solar Initiative“ und einem ähnlich wie in Deutschland gestalteten Einspeisegesetz, mit dem die Versorger grünen Strom ins Netz aufnehmen müssen. Das ist aber noch die Ausnahme, nur in wenigen Staaten wie Maine, Oregon oder Washington ist das der Fall. Dafür gibt es eine Reihe von freiwilligen Vereinbarungen von Städten oder Versorgern wie Dominion in Virginia.

Grüne Energien werden in Amerika anders als in Deutschland dort aufgebaut, wo die Ausgangsbedingungen günstig sind. In einem Viertel der Landfläche weht der Wind stark genug, um relativ preiswerten Strom herzustellen. Bundesstaaten aus dem "Windgürtel" wie Iowa oder South Dakota beziehen bereits mehr als 20 Prozent ihres Strombedarfs aus Wind. Derzeit errichtet Siemens in Iowa die größte landgebundene Windanlage der Welt.

Ähnlich ist es bei Solar. Wo die Sonne wie in Arizona, Kalifornien oder Colorado scheint, dort wird gebaut. Die drei Bundesstaaten besitzen die höchsten Solarkapazitäten, gemessen an der Einwohnerzahl. Insgesamt wuchs die Solarkapazität in den vergangenen zehn Jahren in Amerika um den Faktor 130 auf derzeit 13.000 Megawatt.

Unternehmen wie Solarcity spielen dabei eine Schlüsselrolle. Elon Musk ist eher durch seine Raketen mit Space X und Elektroautos mit Tesla bekannt, aber sein Engagement in Solarcity ist wenigen geläufig. Die Firma finanziert Hausbesitzern die Installation von Solarmodulen auf dem Dach. Die senken damit ihre Stromrechnung, die erzeugte Solarenergie wandert ins Netz oder wird vor Ort verbraucht.

Insgesamt stieg der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung auf Kosten fossiler Energien in den vergangenen zehn Jahren um 4,1 Prozentpunkte auf 12,9 Prozent. Sicherlich produzieren die USA damit weit weniger grünen Strom als Deutschland. Aber der Ausbau nimmt in Amerika kontinuierlich zu, nicht zuletzt dank stark fallender Preise von Solarmodulen und Windkrafträdern. Nach einer Schätzung von US-Energieminister Ernest Moniz könnte sich der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion in wenigen Jahren verdoppeln - und die USA dabei Deutschland überholen – und 2030 ganze 30 bis 40 Prozent erreichen.

Das ist eine optimistische, aber keine utopische Schätzung. Amerika erweist damit nicht nur der Umwelt einen Dienst, sondern schafft auch Arbeitsplätze und stößt neue Technologien an. Ohne dass es die Stromverbraucher wie in Deutschland Milliarden kostet.

Der Autor ist Managing-Editor des Handelsblatts in den USA. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Thomas Jahn
Handelsblatt / Korrespondent New York
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