Zwischen Nachrotten und Gärresten
Gabriels EEG-Übersetzer

Die Energiewende soll zum Exportschlager werden - das reformierte Ökoenergie-Fördergesetz muss daher ins Englische übersetzt werden. Ein Fall für Herrn Sims. Der Brite ist seit 26 Jahren Übersetzer der Bundesregierung.
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Besonders schön findet Andrew Sims Paragraf 45. „Der Anspruch auf finanzielle Förderung besteht nur, wenn die Einrichtungen zur anaeroben Vergärung der Bioabfälle unmittelbar mit einer Einrichtung zur Nachrotte der festen Gärrückstände verbunden sind und die nachgerotteten Gärrückstände stofflich verwertet werden.“ So heißt es auf Seite 25 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Übersetzen Sie das mal ins Englische.

Das ist die Aufgabe von Sims (52). Neulich auf dem Flug mit Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) nach Washington. Während unten Island vorbeizieht, die Nacht erhellt von orangener Lava, übersetzt der Leiter des Sprachendienstes im Ministerium Wort für Wort das EEG. Zwischendurch entspannt Sims beim Studieren von Partituren oder Sudokuspielen. Eigentlich ist der Brite immer im Schatten, so sitzt er im Hintergrund nahe an Gabriels Ohr, als der mit US-Vizepräsident Joe Biden die Weltlage bespricht.

Nach einer Rede in Harvard, die natürlich Sims übersetzt hat, meint Gabriel zu ihm und seiner EEG-Übersetzung süffisant: „Das ist eine undankbare Aufgabe, denn niemand versteht es schon auf Deutsch.“ Aber das Fördersystem gilt als Vorbild. Daher wird mit Interesse auf die im August in Kraft getretene Reform geblickt, mit der der Ökostrom schrittweise wettbewerbsfähiger werden soll. Bisher gibt es auf 20 Jahre garantiert Geld - nun gibt es weitere Förderkürzungen, mittelfristig soll es kaum noch Förderung geben.



Denn die Kostenfrage entscheidet darüber, ob die Energiewende zum Exportschlager wird, daher ist die Übersetzung auch aus Gabriels Sicht wichtig. Derzeit haben weltweit bereits knapp 70 Staaten Einspeisevergütungssysteme. Das EEG wurde laut Ministerium auch schon ins Französische und Arabische übersetzt. Sims braucht für die 73 Seiten zwei Wochen, für die Harvard-Rede nur fünf Stunden.

1988 war der Brite der erste ausländische Dolmetscher in der Bundesregierung, er sei auch der erste, der verbeamtet wurde, obwohl er nicht in Deutschland studiert hatte, sagt er. Sims' Büro ist unter dem Dach des Bundeswirtschaftsministeriums, einem 1748 auf Veranlassung von Preußenkönig Friedrich II. außerhalb der Stadtmauer errichteten Hauses für kriegsversehrte Soldaten.

Das Regal vollgestopft mit Akten, alte Grundrisse von Berlin hängen über dem Computer. An der anderen Wand ein Plakat mit Fotos von 40 britischen Schafrassen. Und ein Plakat, das für das 639 Jahre dauernde Orgelkonzert des Komponisten John Cage in Halberstadt wirbt, bei dem 2020 der nächste Klangwechsel geplant ist. Musikliebhaber Sims leitet zwei Chöre, darunter die Embassy Singers - auch Ministern durfte der Brite schon mal vorsingen.

In dem im August in Kraft getretenen EEG gibt es unzählige Verweise auf vorherige Versionen, Sätze gehen teils ohne Komma über zehn Zeilen, schon auf Deutsch nicht gerade eine seichte Gute-Nacht-Lektüre. Weit über 4000 Förderkategorien für Ökostrom gibt es seit Einführung des Gesetzes im Jahr 2000, normalerweise würde man sich nicht darum reißen, es zu übersetzen.

Doch der Regierungsdirektor Sims betont: „Ich wollte es unbedingt selbst machen, es ist ein Schlüsseltext.“ Zu versuchen, erneuerbare Energien massiv auszubauen, ohne Industriearbeitsplätze zu vernichten, sei bisher weltweit einmalig. „Es ist ein normales deutsches Gesetz“, meint der in Southampton geborene Brite zum bürokratischen, verschwurbelten Duktus. 47 Übersetzungs- und 33 Dolmetscheraufträge hat seine Abteilung gerade zu bearbeiten.

Was Sims aufgefallen ist: „Russisch-Übersetzungen sind gerade kaum gefragt.“ Die Sanktionen zeigen auch hier ihre Wirkung. Reden seien übrigens schöner zu übersetzen, da sei man freier. Beim EEG geht es nur Wort für Wort, manchmal sinnfrei. „Im Englischen werden die Leute genauso rätseln wie im Deutschen, was es bedeutet“, so Sims. Wer weiß schon, was eine Nachrotte ist.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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