Benzinfrust
Schummeln Autobauer bei den Angaben zum Spritverbrauch?

Wer sein neues Auto nach dem Verbrauch auswählt, dürfte sich kräftig ärgern, wenn die Angaben in der Praxis gar nicht stimmen. Schuld daran ist allerdings nicht in erster Linie der Hersteller.
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Es ist ein Ärgernis, das jeder Autofahrer kennt. Sensibilisiert durch die hohen Preise an der Tankstelle sucht er seinen nächsten Wagen bewusst nach dem Verbrauch aus. In der Praxis ist die Ernüchterung jedoch oft groß. Gewöhnlich verbraucht der Wagen in der Praxis je nach Fahrweise gut ein bis zwei Liter mehr auf hundert Kilometern als angegeben. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat deswegen gerade erst die Website www.spritfrust.de geschaltet, auf der Autofahrer ihre Praxisverbräuche melden können. Der ADAC hatte einst in der Praxis im Schnitt einen Mehrverbrauch von rund 25 Prozent gegenüber den Herstellerangaben ermittelt.

Schuld sind daran jedoch nicht in erster Linie die Autohersteller, wie auf den ersten Blick vermutet werden könnte. Die halten sich lediglich an den so genannten „Fahrzyklus“ der Europäischen Union. Dass der ihnen zu Gute kommt, ist naheliegend. Die EU wird dabei von der Motor Vehicle Emissions Group (MVEG) beraten, einer der Autoindustrie nahestehenden Organisation.

Die Kritiker der aktuellen Regelung haben durchaus stichhaltige Argumente. So werden die Verbräuche gegenwärtig lediglich bis zu einer Geschwindigkeit von 120 km/h gemessen. Was darüber ist und dann natürlich zu höheren Verbräuchen führen würde, geht nicht in die Berechnung mit ein. Ebenso werden Kurzstrecken oder Abschnitte im Stadtverkehr nicht mit einbezogen. Bei Autos mit Schaltgetriebe gehen die Bürokraten in Brüssel zudem davon aus, dass der Fahrer stets die Schaltempfehlung berücksichtigt. Wer hier nach Gefühl fährt – was meist zu hochtourig bedeutet -, der legt drauf. Bei Fahrzeugen mit Automatikgetriebe ist der Verbrauch zumindest unter diesem Aspekt etwas realistischer.

Was allerdings nicht allzu sehr ins Gewicht fällt. Werden doch bei der Verbrauchsmessung sowohl bei Schaltgetriebe als auch bei Automatik weder Klimaanlage noch Radio eingeschaltet. Erst recht praxisfremd ist die Messmethode beim Beschleunigen. Von null auf 50 Stundenkilometer werden dafür 26 Sekunden angesetzt. Wer an der Ampel so anfährt, der zieht sich garantiert den Unmut der Fahrer hinter ihm zu.

Infografik Der große Umbau



Anhand der Verbräuche werden auch die Emissionen gemessen. Ist der Spritverbrauch höher als angegeben, dann gilt dies auch für die Emissionen. Genau hier gelangen die Hersteller an einen ganz kritischen Punkt. Ab dem Jahr 2021 gelten für ihre gesamte Flotte Verbrauchswerte von 95 Gramm CO2 pro gefahrenen Kilometer im Durchschnitt. Schon jetzt ist klar, dass etliche Autobauer damit Probleme bekommen könnten. Und das sind wahrlich nicht nur die Hersteller großer Premiumfahrzeuge. Einer Studie des Brüsseler Thinktanks Transport & Environment könnten BMW, General Motors, Fiat und Hyundai die Auflagen nicht erfüllen. Strafen in dreistelliger Millionenhöhe stehen im Raum.

Würde ein realitätsnahe Fahrzyklus, an dem in Brüssel gearbeitet wird, tatsächlich in einigen Jahren Realität, dann könnten sich genervte Autofahrer zwar manchen Spritfrust ersparen. Die gesamte Autobranche, die im Moment noch von der aktuellen Regelung mit den niedrigen Verbrauchswerten profitiert, müsste sich dann noch mehr anstrengen, um die geforderten Grenzwerte zu erfüllen. Ab dem Jahr 2017 könnte bereits ein realitätsnäherer Fahrzyklus angewendet werden, so der aktuelle Stand. Experten aus der ganzen Welt arbeiten seit geraumer Zeit unter dem Dach der Vereinten Nationen an den „Worldwide Harmonized Test Procedures“, die dann Standard werden sollen.

Schon jetzt ist klar, dass die Autos dann mehr verbrauchen werden. Und somit auch höhere Emissionswerte zeigen werden. Das Problem: Wird der ab 2021 geplante Grenzwert für den CO2-Ausstoß von 95 Gramm je Kilometer nicht nach oben angepasst, wird es für die Hersteller noch schwieriger, diesen einzuhalten. Denn nach dem heute geltenden Fahrzyklus dürften die Autos im Schnitt dann nur noch 80 bis 85 Gramm CO2 je Kilometer freisetzen, rechnen Experten vor. Gut möglich, dass hier das letzte Wort noch nicht gesprochen ist und die mächtige Autolobby zumindest einen Aufschub erreicht.

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