Fossile Energieträger
Können Flüssiggasimporte russisches Erdgas ersetzen?

Russische Erdgaslieferungen sind für den deutschen Energiemarkt bedeutend, für manchen europäischen Staat sogar alternativlos. Flüssiggas aus den USA und Kanada könnte das ändern, jedoch nicht ohne Schwierigkeiten.
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Die anhaltenden Unruhen in der Ukraine schüren in Europa Sorgen wegen der hohen Abhängigkeit vieler Staaten von russischen Gaslieferungen. Debattiert wird aktuell vor allem über die Umstellung der Versorgung auf flüssiges Gas – kurz LNG. Die USA als auch Kanada haben bereits signalisiert, dass Europa künftig von ihnen mit Gas und Öl versorgt werden könnte. Doch das ist einfacher gesagt als getan.

Es geht um keine kleine Mengen. In der Europäischen Union wurden im vergangenen Jahr rund 125 Milliarden Kubikmeter russisches Gas verbraucht. Das entspricht etwa 27 Prozent des Gesamtbedarfs. Einige osteuropäische Staaten wie Bulgarien sind sogar komplett von russischem Gas abhängig. Deutschland benötigt insgesamt 90 Milliarden Kubikmeter Erdgas und deckt gut 34 Prozent dieses Bedarfs in Russland.

Knapp zehn Milliarden Kubikmeter Erdgas werden aus deutschem Boden gefördert. Nach Angaben des Wirtschaftsverbands Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG) schrumpfte der deutsche Anteil aber im vergangenen Jahr erneut. Die Abhängigkeit von Importen wächst also tendenziell.

Technisch ist die Herstellung von flüssigem Erdgas, Liquified Natural Gas LNG, durchaus möglich. Nach Angaben des Deutschen Verbands Flüssiggas entsteht LNG durch Tiefkühlung von Erdgas auf minus 162 Grad Celsius. Dabei reduziert sich das Volumen auf etwa 1/600 des ursprünglichen Ausgangsvolumens. Nach der Umformung kann LNG dann in speziellen Flüssigerdgastankern transportiert werden. Pipelines sind nur noch von speziellen LNG-Terminals nötig, um das Erdgas weiter zu verteilen.

Rein theoretisch könnte also Deutschland sein Gas künftig verstärkt auch aus den USA oder Kanada beziehen. Genug Gas wäre vorhanden: Dank des unter anderem in Deutschland verbotenen Fracking, bei dem das Gas mithilfe von Chemikalien aus Schiefergestein gelöst wird, sind die USA inzwischen zum größten Gasproduzenten der Welt aufgestiegen. Russland wurde auf Platz zwei verdrängt.

Dennoch kann die Umstellung auf Flüssiggasimporte kurzfristig nicht gelingen – es fehlt an der nötigen Infrastruktur. Weder die USA noch Kanada verfügen über die erforderlichen LNG-Exportterminals. Auch ein seit Jahren geplantes LNG-Anladeterminal in Wilhelmshaven gibt es bislang nur auf dem Reißbrett. Erst vor wenigen Tagen betonte der Energiekonzern Eon, dass der Bau des Terminals lediglich eine Option sei. Bisher bezieht der Konzern sein Flüssiggas unter anderem über Rotterdam.

Sollte Deutschland künftig verstärkt auf Flüssiggas setzen, wäre ein neues Terminal unabdingbar. Das braucht aber Zeit. „Das könnte frühestens in sechs Jahren stehen“, unterstrich erst vor wenigen Tagen die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks gegenüber dem Handelsblatt. Zudem sind die Kosten immens. Allein in Wilhelmshaven müssten laut NDR bis zu einer Milliarde Euro investiert werden.

Hinzu kommt, dass Flüssiggas teurer wäre als russisches Gas. Das Broker- und Analysehaus Sanford C. Bernstein & Co. hat berechnet, dass Flüssiggas gegenüber russischem Pipelinegas Mehrkosten von 40 Milliarden Dollar jährlich verursachen würde. Dazu kommen die Zahlungen für gebrochene Verträge von rund 50 Milliarden Dollar; die aktuellen Verträge mit Russland laufen bis zum Jahr 2035.

Der schnelle Wechsel von russischem Erdgas, etwa zu LNG aus den USA, scheint damit ausgeschlossen. Der Energieriese Exxon erwartet dennoch, dass die Nachfrage nach Flüssiggas in den nächsten Jahren kräftig zunehmen wird. „Die LNG-Menge wird sich verdreifachen“, prognostiziert der US-Konzern in seinem Ausblick bis 2040. Hauptabnehmer wird danach der Raum Asien/Pazifik sein.

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