„Gerührt, geschluckt, gesättigt“
Können wir künftig auf konventionelle Nahrung verzichten?

Das Essen soll gesund sein, umweltweltfreundlich erzeugt werden, und bitteschön auch noch schnell gehen. Ein US-Amerikaner hat das Prinzip auf die Spitze getrieben und eine Flüssignahrung entwickelt.
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Die täglichen Fragen „Was esse ich heute?“, „Was kaufe ich ein?“ „ Was koche ich?“ sind für viele Menschen schon immer mehr mit Mühe als mit Lust verbunden. Da verwundert es nicht, dass Fast-Food sich immer größerer Beliebtheit erfreut. Und seit eine gesunde und umweltverträglich erzeugte Nahrung die Praxis der Kalorienzufuhr für viele Menschen bestimmt, ersetzen vegetarische Schnellgerichte immer öfter den klassischen Burger.

Die jüngste und schnellste Variante des Fast-Food ist jedoch der Smoothie. Und dieses Prinzip des „gerührt, geschluckt, gesättigt“ hat der US-Amerikaner Rob Rhinehart jetzt auf die Spitze getrieben. Er wollte sich von der tagtäglich wiederkehrenden Mühsal der Entscheidungen und Tätigkeiten rund um die Nahrungsaufnahme befreien und erfand Soylent – eine Flüssignahrung, die alles enthält, was der menschliche Organismus benötigt um gesund und leistungsfähig zu bleiben.

Er habe keine Lust, sich stundenlang mit seiner Ernährung auseinanderzusetzen, begründete Rhinehart im Gespräch mit dem amerikanischen Magazin The Atlantic seine Idee. Jeden Tag die richtige Anzahl an Kalorien zu sich zu nehmen und sich dabei gesund zu ernähren, sei ein Full-Time-Job. Und er möchte Essen schließlich nicht als Belastung verstehen.

Und so benötigt Rhinehart, seit er Soylent erfand, nur noch wenige Minuten am Tag für die Nahrungsaufnahme. Eine bestimmte Menge seines weißen Pulvers mit ein wenig Öl und Wasser vermengt, ist alles, was der Software-Entwickler dreimal täglich zu sich nimmt. Während mit Flüssignahrung bisher Babys, Bodybuilder oder Astronauten in Verbindung gebracht wurden, richtet sich Rhineharts Zaubertrank den jeden gewöhnlichen Erwachsenen. Seine Mixtur, die er übers Internet vertreibt, soll alle Nährstoffe und Vitamine enthalten, die der menschliche Organismus für eine gesunde Ernährung benötigt. Bei der Zusammenstellung, so Rhinehart, habe er sich an die Empfehlungen der amerikanischen Lebensmittel- und Arzneizulassungsbehörde gehalten.

Soylent passt in den Trend. Alles muss heutzutage schnell und effizient erledigt werden, weshalb  sollte man die Nahrungsaufnahme da ausschließen. Experten sind sich nicht einig. Ernährungsphysiologen aus dem angelsächsischen Raum warnen: Das Projekt sei naiv, sogar gefährlich. Andere sind sich nicht sicher, ob das menschliche Verdauungssystem, das ja auf den langsamen Aufschluss von Nahrung, auf Kauen und Verdauen, angelegt ist, von flüssiger Nahrung langfristig beeinträchtigt wird. Langfristige Studien haben zumindest gezeigt, dass sich beispielsweise ein Stück Obst nicht einfach durch ein Vitaminpräparat ersetzen lässt.  Die möglichen langfristigen Folgen einer reinen Flüssigernährung sind für den Organismus nicht klar abzuschätzen.

Aber wäre es aber überhaupt wünschenswert, wenn die Anhänger des Slow-Food über eine solche Kompakternährung zu einem kulinarisch versprengten Grüppchen degradiert würden? Kritiker beklagen, dass Rhinehart die psychologisch-soziale Komponente des Essens völlig außer Acht lasse. Schließlich diene die Nahrungsaufnahme auch der sozialen Integration oder Distinktion. Nicht von Ungefähr, so die Kritik, bezeichnet der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann Essen als „Architekt des Familienlebens“. Ob diese Architektur sozialer Kontakte beim schnellen Schluck aus der Pulle überhaupt noch möglich ist, bleibt fraglich.

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