Gero Furchheim
„Nichts ist wertloser als eine gute Idee“

Dem E-Commerce mangelt es nicht an Innovationen, sagt Bevh-Präsident Furchheim im Interview. Er wünscht sich in Europa aber mehr Bewegung auf dem Markt – und fordert, dass die Ideen auch in die Tat umgesetzt werden.
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Welche Innovation hat die Welt am nachhaltigsten verändert?
Die Frage ist mir zu weit. Ich beschränke mich jetzt einmal auf die letzten 50 Jahre. Und hier ist es ohne Frage das Internet. Als Plattform für alles, kann es den Gang zur Bank oder den Besuch der Videothek ersetzen. Es verändert unsere Art einzukaufen und schafft besser informierte Konsumenten. Diese Auswirkungen sind sehr konkret und der E-Commerce ist dabei ein wichtiger Treiber. 

Wer ist für Sie der größte Visionär?
Da bin ich altmodisch. Robert Schumann. Er hat Europa zu einer Zeit gedacht, in der alles in Trümmern lag. Diese Weitsicht bewundere ich.

Frieden ist keine Selbstverständlichkeit, wie jetzt gerade der Konflikt in der Ukraine zeigt. Wirtschaftliche Verflechtungen innerhalb Europas tragen mit dazu bei, dass es friedlich bleibt. Auch deswegen müssen wir den einheitlichen, europäischen Wirtschaftsraum weiter vorantreiben.

In welchen Momenten kommen Ihnen die besten Ideen?
Um für Kreativität, neue Impulse, neue Ideen offen zu sein, brauche ich gedankliche Freiräume. Und die habe ich, wenn ich Jazz höre, besonders beim Esbjörn Svensson Trio. Ich hatte das Glück, sie in Köln einmal live sehen zu können. Ein unvergleichliches Erlebnis.

Sollte der, der Visionen hat, wirklich zum Arzt gehen?
Bei uns in der Branche gibt es einen Spruch: Nichts ist wertloser als eine gute Idee. Gute Ideen gibt es zuhauf. Es fehlt an Leuten, die sie umsetzen. Dasselbe gilt für Visionen. Zum Arzt muss man mit ihnen nicht. Man sollte sich auf seine Visionen aber auch nicht zu viel einbilden.

Welche Innovation fehlt im E-Commerce? 
Dem E-Commerce mangelt es nicht an Innovationen. Die Start-up-Szene ist vital und die Etablierten müssen sich regelmäßig neu erfinden. Problematisch ist vielmehr, dass die ganz großen Räder nicht in Europa, sondern in China und den USA gedreht werden. Der Markt für hiesige Unternehmen hingegen ist meist national. Da geht kaum mal etwas über die Landesgrenze. Es fehlt an einem einheitlichen, europäischen Verbraucher- und Datenschutzrecht. Es fehlt an gemeinsamen Regeln für die Umsatzbesteuerung.

Das sind nur zwei von dutzenden Beispielen. Hier brauchen wir Bewegung, hier brauchen wir Innovation. Das ist vielleicht nicht sexy, aber ein echter europäischer Binnenmarkt würde dem E-Commerce mehr helfen als als ein Algorithmus, der Bestellwünsche des Menschen erahnt, bevor er den Kaufen-Button drückt.

Lisa Hegemann
Lisa Hegemann
Handelsblatt Online / Freie Mitarbeiterin
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