Ottmar Edenhofer
„Klimapolitik ist ein gutes Übungsfeld“

Die Wissenschaftler zeigen Wege und Hindernisse zu verschiedenen Zielen der Klimapolitik auf, sagt der IPCC-Chefökonom für Klimaschutz. Welcher Weg eingeschlagen wird, entscheide die Politik.
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Welche Innovation hat Ihrer Meinung nach die Welt am nachhaltigsten verändert?
Der Rechts- und Sozialstaat. Diese Innovation muss aber so weiterentwickelt werden, dass die kommenden Generationen, also die Ungeborenen, nicht ausgebeutet werden oder ihre Lebensgrundlage zerstört wird. Das Innovationspotential für unsere Kinder muss erhalten bleiben.

Wer ist für Sie der größte Visionär?
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wahrscheinlich Nelson Mandela, der aber ohne Jesus von Nazareth nicht denkbar wäre. Durch Jesus kam etwas Ungeheuerliches in die Welt: Ein gekreuzigter Gott, ein leidender König, besiegt das Unrecht, in dem er es in Liebe erleidet und jeder, der ihm darin nachfolgt, überwindet das Unrecht und stiftet Versöhnung. Das hat Nelson Mandela trotz seiner Schattenseiten getan – er hat den Anfang der Versöhnung von Schwarz und Weiß gesetzt.

In welchen Momenten kommen Ihnen die besten Ideen?
Fast immer, wenn ich mit Leuten rede, die klüger sind als ich. Oder wenn ich durch den Wald laufe, am besten mit unserem Hund. Wenn ich mit meiner Frau beim Frühstück diskutiere, wenn meine Kinder mir schwierige Fragen stellen oder wenn ich am Freitag Abend mit Freunden eine Pizza esse. Auch in der Diskussion mit den Wissenschaftlern im IPCC kamen mir gute Ideen. Kaum zu glauben, aber wahr.

Sollte der, der Visionen hat, wirklich zum Arzt gehen?
Wenn man über fünfzig ist, kann ein Besuch beim Arzt nicht schaden. Grundsätzlich würde ich aber Robert Musil gegen den Strich lesend sagen: Wo kein Möglichkeitssinn, da kein Wirklichkeitssinn. Wer keinen Sinn dafür hat, dass die Welt auch anders sein könnte, ist dazu verdammt, tragische Zielkonflikte zu exekutieren. Daher misstraue ich den vermeintlichen Realisten, weil sie verkennen, dass der Wirklichkeit durchaus mehr Humanität abgerungen werden kann. Ich misstraue aber auch den Utopisten, die sich mit der Unverfügbarkeit der Vorgaben von Natur und Geschichte nicht abfinden wollen. Daher suche ich nach einem aufgeklärten Pragmatismus, der die Sehnsucht nach einer gerechten Welt mit dem Sinn für das Machbare verbindet. Klimapolitik ist dafür ein gutes Übungsfeld.

Welchen Einfluss nehmen Wissenschaftler auf die politischen Verhandlungen um einen globalen Klimavertrag?
Im Weltklimarat IPCC arbeiten Hunderte Wissenschaftler aus der ganzen Welt zusammen, um eine solide Grundlage für Klimapolitik zu schaffen. Ich vergleiche unsere Aufgabe mit der von Kartographen, die alle gangbaren Wege zu verschiedenen Zielen in eine Karte einzeichnen, aber auch die Risiken auf den Wegen dorthin. Welcher Pfad eingeschlagen wird, ist eine politische Entscheidung, für die Regierenden verantwortlich sind, nicht die Wissenschaftler.

Ottmar Edenhofer (Jahrgang 1961) ist Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Direktor des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change und Lehrstuhlinhaber für die Ökonomie des Klimawandels an der Technischen Universität Berlin. Er leitet die Arbeitsgruppe „Klimaschutz“ des Weltklimarates IPCC und war in dieser Funktion maßgeblich beteiligt am 2013/14 erschienenen 5. Sachstandsbericht des IPCC zur globalen Klimaveränderung. Als Berater für Klimapolitik war Prof. Edenhofer unter anderem für Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sowie für die Weltbank tätig.

Thomas Trösch
Thomas Trösch
Handelsblatt / Redakteur Wissenschaft + Technik
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