Ärzte ohne Grenzen
„Wir sind an unserer Grenze angekommen“

Seit März wütet Ebola in Teilen Westafrikas. Es ist der erste Ausbruch der Krankheit in der Region. Die Menschen seien völlig verunsichert, sagt Bart Janssens von Ärzte ohne Grenzen. Kranke würden vielerorts versteckt.
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Accra/BrüsselIn der vergangenen Woche berieten Gesundheitsminister und internationale Experten in Ghana über Lösungen für die Ebola-Epidemie in Westafrika. Über 460 Menschen sind in Guinea, Liberia und Sierra Leone bereits an dem Virus gestorben. Ärzte ohne Grenzen (MSF; Médecins Sans Frontières) ist in den betroffenen Gebieten mit rund 300 Helfern im Einsatz - und versorgt als einzige Hilfsorganisation die steigende Zahl von Ebola-Patienten. Jetzt seien die Teams an ihre Grenze gelangt, sagt Bart Janssens, der Programmverantwortliche von MSF in Brüssel.

Die Zahl der Ebola-Toten steigt ständig. Warum bekommen die Experten das Virus nicht unter Kontrolle?
Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. Erstens besuchen die Menschen Beerdigungen von Ebola-Opfern, bei denen es keinen Schutz vor einer Ansteckung gibt. Zu den Zeremonien kommen Menschen aus anderen Gegenden, die sich infizieren und in ihre Dörfer zurückkehren, ohne zu wissen, dass sie krank sind. Die Inkubationszeit des Virus beträgt bis zu 21 Tage. Zweitens haben die Menschen große Angst vor der Krankheit, weil sie sie nicht kennen und zudem den Gesundheitsstrukturen misstrauen. Oft werden Kranke versteckt und Verdachtsfälle erst gar nicht gemeldet. So stecken sich wiederum Menschen an, die diese Fälle betreuen. Wenn sie dann zwischen den verschiedenen Ländern hin- und herreisen, tragen sie das Virus in immer neue Gegenden.

Wie hilft Ärzte ohne Grenzen in den betroffenen Gebieten?
Wir sind in allen drei Ländern mit insgesamt 300 Mitarbeitern im Einsatz und haben in speziellen Zentren bisher 470 Patienten behandelt, von denen es sich bei 215 um bestätigte Fälle handelte. MSF ist die einzige Organisation, die sich um die Versorgung von Ebola-Kranken kümmert. Aber wir sind an unserer Grenze angekommen. Derzeit hat MSF weder das Personal noch die medizinischen Hilfsmittel, um Teams in neue betroffene Regionen zu entsenden. Die Weltgesundheitsorganisation und die Behörden müssen ihren Einsatz maßgeblich ausweiten, um mögliche Infizierte ausfindig zu machen und ein immer größeres Gebiet abzudecken.

Was ist derzeit die größte Gefahr für Westafrika?
Als das Virus Mitte März erstmals auftrat, gab es kaum ein Risiko, dass es sich weiträumig auf andere Länder ausbreiten würde. Aber dieses Risiko wächst. Die Epidemie greift immer weiter um sich, weil die Menschen in verschiedene Länder reisen. Wir hatten alle gedacht, wir hätten das Virus besiegt, aber das war nicht der Fall. Alle müssen jetzt helfen, damit die Bevölkerung die notwendigen Schutzmaßnahmen akzeptiert.

Tun die Regierungen in den betroffenen Ländern genug? Verstehen sie den Ernst der Lage?
Wir dürfen nicht vergessen, dass die Krankheit ganz neu für die Region ist. Es ist nicht leicht für Behörden und Hilfsorganisationen, sich schnell auf so eine Situation einzustellen. Die Gesundheitsministerien haben viel getan, aber abgesehen von politischen Entscheidungen sind manchmal ganz pragmatische Schritte nötig. Am wichtigsten ist es, dass die Öffentlichkeit die Krankheit endlich versteht.

Was muss die Politik konkret tun?
Wir erwarten, dass die Behörden aller drei Länder die Bedrohung durch die Epidemie anerkennen. Zudem muss die medizinische Betreuung durch neue Behandlungszentren und eine bessere Erforschung der einzelnen Fälle und der Menschen, mit denen Betroffene in Kontakt waren, gestärkt werden. Und auch ein besserer Informationsaustausch seitens der Behörden und der Hilfsorganisationen mit der Bevölkerung ist dringend nötig.

ZUR PERSON: Bart Janssens ist ein erfahrener Experte für komplexe Gesundheitskrisen. Seit 2010 arbeitet er in Brüssel als Programmverantwortlicher für Ärzte ohne Grenzen. In den Jahren zuvor war er für die Organisation als medizinischer Koordinator unter anderem in Afghanistan, Angola, der Demokratischen Republik Kongo und Kambodscha tätig.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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