Biotech-Firmen
Unterschätzte Newcomer

Big Pharma zahlt einen hohen Preis, um beim Biotech-Boom dabei zu sein – dieser lohnt sich: Großkonzerne glänzen mit neuen Produkten. Doch die Hälfte aller Neuentwicklungen stammt von Vertretern aus zweiter Reihe.
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Im Pharmasektor vollzog sich in den vergangenen beiden Jahren eine Wende, die für die Unternehmen, Investoren und Patienten gleichermaßen erfreulich erscheint: Die Zahl der erfolgreichen Produktentwicklungen nimmt wieder deutlich zu, trotz mehr oder weniger stagnierender F+E-Budgets. Im laufenden Jahr dürfte die Branche in etwa doppelt so viele neue Wirkstoffe durch die Zulassungen bringen wie noch zu Beginn des Jahrzehnts.

Nach Jahren der Flaute deutet sich damit eine kräftige Produktivitätssteigerung in der Forschung an und damit auch die Aussicht auf wachsende Umsätze. Ein Schwachpunkt, der vor einigen Jahren noch Zweifel am Geschäftsmodell der Arzneimittelindustrie weckte, scheint endlich überwunden.

Neuentwicklungen aufstrebender Firmen

Hinter dem Turn-around verbirgt sich indessen ein Wandel, der nicht nur die jüngste Welle an Übernahmen antreibt, sondern auch die Struktur der Branche nach und nach verändert. Denn der neue Boom in den Labors ist alles andere als gleichmäßig über die Branche verteilt. Die Diskrepanz zwischen Gewinnern und Verlierern ist zum Teil beträchtlich. Und das gilt nicht nur mit Blick auf die schiere Zahl an neuen Produkten, sondern auch, was das kommerzielle Potenzial betrifft.

Zwar glänzten zuletzt auch mehrere etablierte Großkonzerne wie etwa Johnson Johnson und Bayer mit einer Serie an neuen Produkten. Insgesamt jedoch gewinnen kleinere Biotechfirmen und Pharmaspezialisten zusehends an Boden. Etwa die Hälfte aller Neuentwicklungen stammt von solchen Vertretern aus der zweiten und dritten Reihe.

Anders als in der Vergangenheit gelingt es ihnen heute in größerem Umfange, die eigenen Neuentwicklungen auch selbst zu vermarkten. Und erstmals trumpfen diese Firmen auch mit kommerziell schwergewichtigen Produkten auf, das heißt mit potenziellen Blockbustern mit Milliardenumsätzen. Die auffälligsten Neuentwicklungen des vergangenen Jahres zum Beispiel - das Multiple-Sklerose-Mittel Tecfidera und das Hepatitis-Medikament Sovaldi - stammten nicht etwa von etablierten Pharmariesen wie Pfizer, Glaxo oder Novartis, sondern von den aufstrebenden Biotechfirmen Biogen und Gilead.

Den Newcomern Spielraum überlassen

Solche Einzelerfolge sollten zwar nicht dazu verleiten, die Forschung des Biotechsektors völlig zu überschätzen. Nach wie vor tummeln sich in der Branche auch Hunderte von Firmen, die noch nicht viel vorzuweisen haben. Insgesamt jedoch ist die Produktivität bei weitem nicht so schwach wie noch vor ein paar Jahren angenommen. Zudem haben inzwischen etliche Firmen bewiesen, dass man mit scheinbar obskuren, aber hochpreisigen Nischenprodukten beachtliche Umsätze erzielen kann.

Viele in der Pharmabranche haben diesen Trend unterschätzt und damit den Newcomern Spielraum überlassen, um eigene Marktpositionen aufzubauen. Vor allem diese Entwicklung erklärt die zum Teil atemberaubenden Preise, die in jüngerer Zeit im Pharmabereich aufgerufen werden. Der US-Konzern Abbvie zahlt für Shire immerhin etwa das Zehnfache des aktuellen Umsatzes. Roche legt bei der acht Milliarden Dollar teuren Übernahme von Intermune gut das Hundertfache des Umsatzes auf den Tisch.

Die Erfahrungen der Vergangenheit sprechen durchaus für solche produkt- und technologieorientierten Transaktionen. Viele Deals, die auf den ersten Blick teuer erschienen, rechneten sich später durch Produkterfolge. Bei einigen der spektakulärsten Übernahmen waren Biotechfirmen selbst die Käufer. Die elf Milliarden Dollar teure Akquisition der kleinen Firma Pharmasset etwa hat sich für Gilead mehr als gelohnt.

Den Großunternehmen laufen die Preise davon

Der Biotech-Börsenboom der letzten beiden Jahre hat die Situation allerdings um einiges verschärft. Die Aktienkurse vieler Biotechs haben sich in diesem Zeitraum vervielfacht. Mit Gilead, Amgen, Biogen und Celgene bewegen sich inzwischen vier Biotechvertreter bewertungsmäßig bereits auf Augenhöhe mit Big Pharma. Rund ein Dutzend Firmen folgt mit Marktkapitalisierungen zwischen zehn und 40 Milliarden Dollar.klei

Etablierte Pharmakonzerne mit Akquisitionsplänen sehen sich damit zusehends in der Situation, dass ihnen die Preise davonlaufen. Roche etwa erlebte das vor zwei Jahren beim gescheiterten Versuch, die Genanalytikfirma Illumina für acht Milliarden Dollar zu übernehmen. Inzwischen ist die US-Firma an der Börse dreimal so viel wert.

Das heißt, um Schwächen in der eigenen Forschung durch Zukäufe auszugleichen, müssen Unternehmen finanziell heute weitaus höhere Risiken eingehen als noch vor zwei oder drei Jahren. Andernfalls besteht die Gefahr, nach und nach von neuen Akteuren im Pharmageschäft verdrängt zu werden. Wer zu spät kommt, den überrunden die Biotechs.

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