Deutsche Kliniken

Operieren wie am Fließband

Nie zuvor fanden in deutschen Krankenhäusern mehr Operationen statt wie im vergangenen Jahr. Im Schnitt legte sich etwa jeder fünfte Deutsche unters Messer. Sie so viele Eingriffe wirklich notwendig?
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Operation im Universitätsklinikum Mannheim: Viele Patienten sind älter als 65 Jahre. Quelle: dpa

Operation im Universitätsklinikum Mannheim: Viele Patienten sind älter als 65 Jahre.

(Foto: dpa)

WiesbadenOperationssäle gehören zu den teuersten Einrichtungen einer Klinik. Sie müssen ausgelastet sein, damit sie sich rechnen – dieser betriebswirtschaftliche Grundsatz gilt in Krankenhäusern ebenso wie für Flugzeuge oder Fabriken. Da liegt es nahe, den Operationsplan nach wirtschaftlichen und nicht in erster Linie nach medizinischen Grundsätzen aufzustellen. Die Beweislage ist jedoch schlecht.

Obwohl die Zahl der Krankenhäuser seit Jahren sinkt – im vergangenen Jahr unter 2000 –, wird nach Angaben des Statistischen Bundesamts mehr operiert als je zuvor: Rund 15,8 Millionen Mal unterzogen sich Patienten in deutschen Kliniken 2013 einem medizinischen Eingriff – gut 30 Prozent mehr als 2005. Sind alle diese Operationen notwendig? Ja, versichert die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG).

Im Vergleich zu 2012 sei die Zahl der Operationen um 0,7 Prozent gestiegen: „Angesichts der demografischen Entwicklung ein moderater Anstieg, der die medizinisch unbestrittene Notwendigkeit der stationären Patientenversorgung unterstreicht“, sagte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum.

Fünf neue Wege zur Diagnose
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Chip-basierte Diagnose-Tools

Diese neue „Diagnostik-Haut“ ist in der Lage, feine Temperaturabweichungen zu erkennen, die möglicherweise Anzeichen einer ernsten Erkrankung sind. Zudem kann sie kleine Bereiche mit Wärmetherapie und sogar mit Medikamenten versorgen. Der flexible Chip ist genauso wenig invasiv wie ein temporäres Tattoo und macht teure Ausrüstung, die zudem die Bewegungsfreiheit des Patienten einschränkt, überflüssig.

Frau mit Smartphone
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Nicht das übliche Smartphone

Die Lösung ClipOCam-Derma gibt dem Trendbegriff „Selfie“ für selbst geschossene Handy-Fotos eine ganz neue Bedeutung. Sie rüstet Smartphones mit einem hochauflösenden Objektiv aus, so dass sich Hautveränderungen per Remote-Diagnose über eine App bestimmen lassen. Die Lösung zielt vor allem auf dünn besiedelte Gegenden mit schlechter medizinischer Versorgung ab.

CTRevolution
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Eine Aufnahme mit dem Revolution CT-Scanner von GE-Healthcare: Winzigste Details erleichtern die Diagnose.

EICU
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I see you (ICU)

Mithilfe einer elektronischen Intensivstation (eICU) behält das Pflegepersonal von einem zentralen Ort aus mehrere Patienten parallel im Auge. Eine Studie ergab, dass Patienten in Kliniken mit einem eICU-Programm eine um 26 Prozent höhere Chance hatten, ihren Aufenthalt zu überleben. Zudem wurden sie 20 Prozent schneller entlassen als nach der auf Intensivstationen sonst üblichen Versorgung.

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Alle sind gefragt

Wann immer es schwierig ist, eine klare medizinische Diagnose zu stellen, kann man über CrowdMed.com die Symptome online stellen und per Crowd-Sourcing nach einer Lösung suchen. Anwender können „Medizindetektive“, die einen Fall gelöst haben, zudem mit Geldprämien belohnen. Die CrowdMed Gründer sagen, ihre Lösung soll keineswegs den Arzt ersetzen, sondern Alternativen zur klassischen Diagnose bieten.

42 Prozent der 2013 operierten Patienten waren laut Statistik älter als 65 Jahre. In dieser Altersgruppe gehörten Darm- und Hüftoperationen zu den häufigsten Eingriffen. Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) schätzt, dass lediglich ein Drittel der jährlichen Leistungssteigerungen auf den demografischen Wandel mit der wachsenden Zahl älterer Patienten zurückzuführen ist.

Aber wie lassen sich große regionale Unterschiede bei der Häufigkeit bestimmter Operationen erklären? Nach kürzlich veröffentlichten Studien der Bertelsmann Stiftung und der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) werden Mandel-Operationen bei Kindern, Blinddarm- und Prostata-Eingriffe in manchen Regionen Deutschlands bis zu achtmal öfter vorgenommen als andernorts. Beim Einsatz künstlicher Kniegelenke, bei Kaiserschnitten oder Gebärmutterentfernungen unterscheide sich die OP-Häufigkeit zwischen den Regionen um das Zwei- bis Dreifache. Rein medizinisch seien solche Unterschiede nicht zu erklären, meinen die Autoren.

Die Krankenkassen dringen seit längerem auf eine Neujustierung des Qualitätssicherungsverfahrens. Der Spitzenverband GKV hält die Zahl der Kliniken für nach wie vor viel zu hoch, eine Krankenhausplanung fehle völlig, hieß es dort am Mittwoch. GKV-Sprecher Florian Lanz sagte kürzlich, wenn Ärzte in einen Krankenhaus nicht durch ausreichend Patienten ausgelastet seien, bestehe ein höherer Anreiz, OPs eher aus finanziellen als aus medizinischen Erwägungen zu machen.

Wieviel Geld notwendig ist, um überhaupt operieren zu können, zeigt der unlängst eröffnete Neubau der Hochtaunuskliniken. Außer den rund 200 Millionen Euro reiner Baukosten für zwei Häuser in Bad Homburg und Usingen verschlang die Medizintechnik noch einmal 40 Millionen Euro. In Bad Homburg wird nach Angaben der Klinikleitung in zehn unterschiedlich ausgestatteten OP-Sälen operiert.

  • dpa
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