Digital Health
App zum Arzt

Smartphone-Programme zur Diagnose von Krankheiten sind der nächste Trend im Silicon Valley. Google, Apple und kleine Startups: Alle wollen mitmischen. So auch zwei Deutsche mit ihrer App für Hautärzte.
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Gäbe es ein Gesetz, dass erfolgreiche Tech-Start-ups nur im Silicon Valley gegründet werden dürfen, dann wären Simon Bolz und Simon Lorenz auf gutem Wege, Gesetzesbrecher zu werden. Ihr Unternehmen "Klara" haben die 32-Jährigen vor kaum mehr als einem Jahr in Berlin gestartet. Jetzt machen Sie sich auf, die neue Welt, Amerika, zu erobern.

Die Geschichte zweier Männer, die auszogen, mit ihrer Erfindung die USA zu erobern, steht beispielhaft für den Mut und das Unternehmer-Gen junger Deutscher. Dabei geht es eigentlich um Ausschlag, Krätze, Krebs und Pilz.

"Klara" ist die erste App, die Hautärzte und Patienten über ihr Smartphone verbindet. Der "Klara"-Kunde macht Fotos von seinem Problem und lädt es hoch. Für eine feste Gebühr von 29 Euro bekommt er innerhalb von garantiert 48 Stunden eine Begutachtung von einem echten Hautarzt, ein Drittel der Nutzer bekommt bereits nach drei Stunden eine Antwort. Medizin und Smartphone wachsen zusammen. Mobile Health - mhealth - heißt das in der Fachsprache.

Desmond Tutu: "Smartphone ist das Mittel der Wahl"

"Klara" ist ein Start-up, ein kleines Rädchen im mHealth-Bereich, der weit mehr als Spielerei ist. Die Weltgesundheitsorganisation WHO etwa sieht darin die Chance, Menschen besser zu behandeln. Der frühere afrikanische Erzbischof Desmond Tutu sagte in einem Bulletin der WHO schon vor zwei Jahren: "Die Technologie, zu der arme und entrechtete Menschen heutzutage am ehesten Zugang haben, ist das Mobiltelefon. Wenn wir ein Mittel haben wollen, die zu erreichen, die bisher nicht medizinisch behandelt werden können, dann ist das Smartphone die Technik der Wahl."

Auch die ganz Großen der Tech-Welt haben die Chancen erkannt. Apple hat gerade erst am 3. Juni ein "HealthKit" vorgestellt. Es ermöglicht den einfachen Datenaustausch von mobilen Geräten mit medizinischen Institutionen. Zum Start präsentierte Apple eine Kooperation mit der App der Mayo Klinik, der weltgrößten Non-Profit-Klinikorganisation der Welt. "Wir glauben, Apple’s HealthKit wird die Art und Weise revolutionieren, wie die Gesundheitsindustrie mit den Menschen interagiert", jubelte der Chef der Mayo Klinik, John Noseworthy.

Trend: Fitnessarmbänder und smarte Uhren

Eine Woche zuvor hatte der weltgrößte Handyhersteller Samsung eine ähnliche Hard- und Software-Plattform für mHealth-Entwickler vorgestellt. Was die Tech-Riesen zusätzlich antreibt: Die neuen "Wearables" genannten mobilen Geräte wie Fitnessarmbänder oder smarte Uhren, die nicht nur Kommunikation erlauben, sondern zugleich Daten wie etwa den Puls liefern.

Deshalb plant auch Google den Einstieg. Der Datengigant will im Herbst eine "Google Fit"-Plattform launchen, die Daten von eben solchen "Wearables" wie Fitness-Trackern und die Daten von Medizin-Apps erfasst und den Austausch ermöglicht. Für Experten ist der ernsthafte Einstieg von Apple, Google und Samsung der Beweis, dass mhealth vor dem weltweiten Durchbruch steht.

"Klara" lohnt sich für Arzt und Patient

Bolz und Lorenz arbeiten derzeit im Zentrum dieser Entwicklung, von der sich nicht wenige eine Revolution des Medizinmarktes versprechen. Und ihre Chancen stehen gut. Denn die Dermatologie ist von allen medizinischen Disziplinen für mHealth am besten geeignet. "Etwa 90 Prozent aller Hautkrankheiten können durch das Betrachten eines Bildes begutachtet werden", sagt der renommierte Hautarzt und Teledermatologie-Experte Professor Andreas Blum. "Davon", sagt Gesundheitsökonom und "Klara"-Gründer Lorenz "sind 70 Prozent ohne Arztbesuch therapierbar, in etwa 30 Prozent der Fälle sind physische Arztbesuche notwendig."

"Klara" hieß bis Mitte dieser Woche noch "Goderma". Die App ist nach Angaben ihrer Gründer bereits 120 000 Mal heruntergeladen und in 96 Ländern installiert worden. Bisher arbeiten sieben Ärzte in Deutschland für das junge Unternehmen. Drei bis zehn Minuten brauchen sie etwa für eine Diagnose, dafür bekommen sie einen erheblichen Teil der Gebühren. Investiert ein Arzt 30 Minuten täglich in "Klara"-Kunden, kann er seinen Umsatz im Jahr um bis zu 50 000 Euro steigern. Wenig Aufwand, viel Ertrag, worüber sich auch die "Klara"-Kunden freuen können: Keine 30 Tage Wartezeit auf einen Termin, wie es für einen Kassenpatienten üblich ist, kein stundenlanger Arztbesuch.

Chancen vor allem in den USA

Wenn da nicht die Kosten wären und die in Deutschland vergleichsweise geringe Neigung, für Arztbesuche selbst zu bezahlen. In der Heimat starten Bolz und Lorenz deshalb gerade ein Pilotprojekt mit einer großen Privatversicherung, mit den gesetzlichen Kassen laufen "fortgeschrittene Gespräche".

Doch das gelobte Land ist für Lorenz und Bolz Amerika. In den USA, wo die Menschen es gewohnt sind, für ihre Gesundheit selbst zu zahlen, haben sie ihre Zukunft ausgemacht. "Wir sehen uns inzwischen auch als amerikanisches Unternehmen", sagt Bolz.

Vor wenigen Wochen eröffneten die Jungunternehmer deshalb eine Firma in New York: Wenige Blocks vom Times Square entfernt haben sie ein Büro auf der 7th Avenue gemietet. Unten im Haus ist ein Fedex-Shop, der Pakete durch die Welt schickt, oben sitzt Simon Lorenz mit bisher sieben Mitarbeitern, die versuchen, "Klara" in den USA zu etablieren. Der Start ist vielversprechend: Gerade haben sie eine Kooperation mit dem berühmten Krankenhaus Mt. Sinai abgeschlossen. Sämtliche Dermatologen der Klinik und deren Patienten werden die App künftig nutzen. "Klara" gibt es nun in New York, North Carolina, South Carolina und New Jersey. In den kommenden Wochen wird die App auch in Kalifornien, Florida und Texas gelauncht.

"Der Teledermatologie-Zug kommt: Klettere an Bord, geh aus dem Weg oder werde überfahren", schrieb die US-Hautärztin Anne Burdick von der Uni Miami schon 2011 in einem Fachartikel. Das deutsche Start-up aus Berlin versucht einen Platz in der Lokomotive zu ergattern. 40 Prozent der Amerikaner sind nach einer PWC-Studie vom Herbst 2013 bereit, über Smartphones mit Ärzten zu kommunizieren. Eine gewaltige Zahl potenzieller Kunden.

Schon elf Milliarden Dollar Umsatz für die Branche

Doch "Klara" ist kein Twitter, kein Facebook des mHealth, keine neue, bahnbrechende Erfindung. "Klara" ist nicht allein. In Amerika muss sich "Klara" der Konkurrenz erwehren, die "First Derm", "DermLink.MD" oder "SpotCheck" heißt und einen ähnlichen Service anbietet.

Das schreckt das deutsche Start-up jedoch nicht. Denn einerseits wächst der mhealth-Markt rasant. Allied Market Research schätzt ihn in diesem Jahr auf knapp elf Milliarden Dollar (8,2 Milliarden Euro) weltweit. Bis zum Jahr 2020 soll er auf 58,8 Milliarden Dollar anwachsen. In den USA stecken Investoren bereits heute mehr als 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr in junge mHealth Unternehmen.

Andererseits sind die Angebote der Konkurrenz noch jung. Die schwedische "First Derm" etwa ist seit Januar in den USA am Start. Unter einem Youtube-Video von "Klara"/"Goderma" über ihr Geschäftsmodell hat der Konkurrent jüngst süffisant kommentiert: "In the US we call this service First Derm". Doch ein paar Tausend Diagnosen hat First Derm bislang erst erstellt - kein weit enteilter Konkurrent also.

Hautärzte werden anders arbeiten

"In den kommenden drei Jahren muss sich jeder Dermatologe in den USA für eine App entscheiden, um mit seinen Patienten zu kommunizieren", prognostiziert Bolz. Die Arbeitsweise der Hautärzte werde sich grundlegend ändern. Und in drei Jahren wollen sie in Amerika profitabel sein und Zehntausende Ärzte unter Vertrag haben. "Im Jahr 2017 wollen wir mehr als eine Million Kunden weltweit haben", sagt Bolz. Das klingt nach einem hochtrabenden Ziel. "Das sind nur etwa 0,05 Prozent aller Menschen, die nicht nur eine Hautkrankheit, sondern auch ein Smartphone haben", sagt Lorenz jedoch.

Was die "Klara"-Gründer von der Konkurrenz unterscheidet , ist die Art und Weise, wie sie versuchen, ihr Geschäft groß zu machen. Sie kommen beide aus Arztfamilien und wissen wie Mediziner ticken. Schon von der ersten Stunde an verfolgen Bolz und Lorenz deshalb die Strategie, große Namen der Medizin an Bord zu holen - als Türöffner.

Das Projekt kann an vielen Faktoren scheitern

Bevor sie die Firma gründeten marschierten sie ins Büro von Johannes Ring, Professor und Chefarzt an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der Technischen Universität München. Er ist eine internationale Koryphäe, sitzt oder saß in diversen internationalen Dermatologen-Vereinigungen in führenden Positionen. "Ich hatte schon darauf gewartet, dass jemand mit einer Idee wie Goderma auf mich zukommt, weil so ein Projekt äußerst vielversprechend ist", sagt Ring. Seit der Firmengründung ist er Vorstand des medizinischen Beirates von "Klara".

Das gleiche Prinzip wenden Bolz und Lorenz nun in den USA an. Sie haben es geschafft, mit Mark Lebwohl und Mark Kaufmann, den Präsidenten und ein Board-Mitglied der "American Academy of Dermatology", zwei sehr renommierte Hautärzte zu gewinnen. Nun kommt die Kooperation mit Mt. Sinai dazu. "Das erleichtert es erheblich, weitere Ärzte von unserem Service zu überzeugen", sagt Lorenz.

Das alles verspricht Erfolg, doch es garantiert ihn natürlich nicht. Viele Faktoren können dafür sorgen, dass "Klara" in den USA scheitert. Vielleicht stellt deshalb Bolz heraus, dass es ihnen nicht darum gehe, reich zu werden. Sie wollten vielmehr den Menschen helfen.

"Unser interner Slogan ist ‚Because we care‘", sagt er und schließt: "Vielleicht schreiben Sie das auch noch auf."

Grischa Brower-Rabinowitsch
Grischa Brower-Rabinowitsch
Handelsblatt / Ressortleiter Unternehmen & Märkte
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