Gegen das Vergessen

Eine Geschichte für Demenzkranke

Klagen hilft nicht. Wer Demenzkranke mit Kindheitserinnerungen konfrontiert, kann schöne Momente erleben - für beide Seiten. Immer mehr Verlage stützen das mit Kurzgeschichten und viel Musik.
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Bücher für Demenzkranke: Verlorengeglaubte Erinnerungen sollen wachgerufen werden. Quelle: dpa

Bücher für Demenzkranke: Verlorengeglaubte Erinnerungen sollen wachgerufen werden.

(Foto: dpa)

Karlsruhe/MünchenSogar der Name ist weg. Vieles andere auch. Man sitzt nebeneinander. Schweigt. Annette Röser kennt das. Ihre beiden Eltern waren dement, Unterhaltungen wurden immer schwieriger. Einen Schlüssel zur verborgenen Welt ihrer Eltern fand sie in der Musik. Melodien weckten Erinnerungen an die Kindheit. Hörten sie gemeinsam alte Volkslieder oder auch „Memories Of Heidelberg“, leuchteten die Augen ihrer Mutter nochmal auf. „Damit erlebten wir unsere schönsten Momente.“ Inzwischen sind ihre Eltern tot. Annette Röser aber baute auf ihren Erfahrungen den Karlsruher Singliesel-Verlag auf - spezialisiert auf Bücher für Demenzkranke.

Die Mitsing- und Erlebnisbuchreihe „Singliesel“ will Angehörigen helfen, wieder eine Brücke zu ihren Eltern oder Großeltern zu finden, statt wie so oft irgendwie hilflos nebeneinanderzusitzen. Jeweils drei bekannte Volkslieder lassen sich per Knopfdruck abspielen. „Es gibt Menschen, die wissen Namen nicht mehr“, sagt Röser, „aber „Der Mond ist aufgegangen“ ist noch in allen Strophen in der Seele verankert.“ Die Musik sei in den Gedanken oft noch am längsten erhalten geblieben, „auch wenn andere Dinge verloren gegangen sind“.

Zehn Fakten über das Gehirn
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Alle für einen:  Das Stammhirn ist entwicklungsgeschichtlich der älteste Teil des Gehirns. Es steuert sowohl elementare Funktionen wie Atmung und Herzschlag, als auch Reflexe wie Husten oder Schlucken. Das Großhirn ist für Sehen, Sprechen und im Wesentlichen auch für das Denken zuständig. Das Kleinhirn ist für Gleichgewicht und Koordination verantwortlich. Das Zwischenhirn kontrolliert das vegetative Nervensystem, das lebenswichtige Organfunktionen steuert.

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Energie-Vampir: Das menschliche Gehirn wiegt im Durchschnitt 1400 Gramm und macht damit nur zwei bis drei Prozent des gesamten Körpergewichts aus. Dabei erbringt es enorme Leistungen: Ohne Gehirn würden wir nicht denken, aber auch nichts empfinden, erkennen oder uns bewegen. Dafür braucht das Gehirn aber auch viel Energie:  Es  verbraucht jeweils ein Fünftel unseres täglichen Kalorienbedarf und des Sauerstoffs im Blut.

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Probieren geht über studieren: Tätigkeiten werden am besten gespeichert, wenn man sie selber ausprobiert. Wird etwas nur gesehen oder gehört, bleibt es viel schlechter im Gedächtnis haften.

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Männer und Frauen: Das Gehirn eines erwachsenen Mannes wiegt durchschnittlich 1400 Gramm und ist etwa 100 Gramm schwerer als das einer Frau. Das Gewicht des Gehirns sagt jedoch nichts aus über seine Leistung, also über die Intelligenz eines Menschen. Bei Frauen ist der Hippocampus im Verhältnis zum Gesamthirn größer. Dieser Bereich des Gehirns ist zuständig für Lernen und Erinnerung. So haben Frauen zum Beispiel in dem Areal, das Hörinformationen abspeichert, mehr Nervenzellen. Männer haben dafür den besseren Orientierungssinn. In einem Experiment der Universität Ulm mussten Probanden den Weg aus einem Irrgarten herausfinden. Männer schafften das durchschnittlich  45 Sekunden schneller als Frauen.

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Der umstrittene IQ: Intelligenz ist keine klar definierbare Größe. Eine mögliche Definition lautet: Intelligenz ist die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und Probleme zu lösen. In bekannten und unbekannten Situationen. Der heute gängigste Wert ist der Intelligenzquotient.

68 Prozent der Bevölkerung, also die große Mehrheit, gelten mit einem IQ zwischen 85 und 115 als normal begabt. Nur 2,2 Prozent der Bevölkerung haben einen IQ über 130 und gelten als hochbegabt. Nach dem heutigen Stand der Forschung ist die Intelligenz zum größten Teil angeboren. Durch positive Umstände (Bildung, Familiensituation) kann sie vermutlich um etwa zehn IQ-Punkte gesteigert werden, bei negativen Umständen um bis zu zehn Punkte absinken. Der US-amerikanische-Psychologe Howard Gardner hat die Theorie der multiplen Intelligenzen entwickelt. Demnach gibt es zum Beispiel sprachliche, musikalischen, logisch-mathematische oder interpersonale Intelligenz.

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Ein Bild sagt mehr als tausend Worte: Das Gehirn ist Sitz der Emotionen. Verarbeitet werden sie im limbischen System, das den Hirnstamm wie ein Saum umschließt. Wenn wir etwas denken, fühlen oder wahrnehmen, bewerten wir diese Information innerhalb von einigen tausendstel Sekunden als positiv, negativ oder neutral. Oft geschieht das unbewusst und noch bevor wir beginnen, zu denken. Beim Blick auf ein Gemälde etwa, kommt die emotionale Bewertung („Mag ich / Mach ich nicht“) vor der rationalen Analyse. Im limbischen System werden auch nicht ausgesprochene Stimmungen wie Wut oder Traurigkeit anhand von Mimik, Tönen und Gesten erkannt.

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Aus Fehlern lernt man: Mit etwa drei Jahren beginnen Kinder Erinnerungen abzuspeichern. Voraussetzung ist, dass das Kind seine Muttersprache gut beherrscht und in Zeiteinheiten denken, also „Jetzt“, „Früher“ und „Zukünftig“ auseinanderhalten kann. Erinnern hat die Funktion, ähnliche Anforderungen besser zu bewältigen, also aus der Vergangenheit und aus Fehlern zu lernen. Emotionale Erlebnisse speichert das Gehirn am besten ab.

Ein anderer Verlag, der sich auf solche Bücher spezialisiert hat, ist der Verlag an der Ruhr (Mülheim) mit seinen „5-Minuten-Vorlesegeschichten für Menschen mit Demenz“. Verloren geglaubte Erinnerungen wachzurufen, ist auch hier das Hauptziel, sagt Hans-Jürgen Freter, Sprecher der Deutschen Alzheimer Gesellschaft in Berlin. Sowohl Lieder als auch Bilder seien dabei der Schlüssel. Das Angebot wachse permanent. Die Zahl der Demenzkranken in Deutschland wird inzwischen auf 1,5 Millionen geschätzt. Zum Vergleich: Bundesweit gibt es etwa 1,9 Millionen Kindern unter drei Jahren.

„Menschen mit beginnender Demenz können Texte meist noch gut lesen“, sagt Freter. Mit dem Fortschreiten der Krankheit werde es aber schwieriger. Der Ernst Reinhardt Verlag München baut auf Vorlesebücher wie „Ein Fahrrad erzählt“ oder „Ein Koffer voller Erinnerungen“ mit gut 50 kurzen Geschichten, zusammengestellt vom psychologischen Berater Peter Krallmann und Uta Kottmann, die als Gutachterin bei neurologisch erkrankten Patienten tätig ist. Im Mittelpunkt der maximal fünf Minuten langen Geschichten stehe die Zuwendung, die Gemeinsamkeit von Betroffenen und Angehörigen, erklärt Sprecherin Franziska Rescher.

Episoden aus dem Berufsleben, über Hobbys und Reisen sollen das Langzeitgedächtnis der erkrankten Zuhörer wecken - für wertvolle Stunden etwa mit ihren Angehörigen. Die Nachfrage steige, so Rescher, weitere Bücher seien in Vorbereitung.

Der Einband der „Singliesel“ gleicht einer Schulfibel der 40er Jahre. Und auch die Illustrationen drinnen erinnern an damals. Statt viel Text gibt es Zeichnungen wie in Kinderbüchern aus der Jugendzeit der Generation 75 plus. Das schwarze Telefon mit Wählscheibe ist wieder da, ein Zeppelin und auch der klassische Brief statt der Mail.

Auch Elemente zum Anfassen seien wichtig, sagt Annette Röser. Jeder Band enthält Fühl- und Klappelemente. Läuft „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“, können die Demenzkranken an einem Mühlrad drehen. Stets in der Hoffnung für beide Seiten, dass die Erinnerungen zurückkehren. Wissenschaftlich unterstützen lässt sich der Karlsruher Verlag von einem Experten-Beirat, dem etwa eine Gerontologin, eine Fachärztin für Psychotherapie, eine Pflegedienstleiterin, eine Fachärztin für Neurologie und eine Musiktherapeutin angehören. Röser zitiert gerne den Dirigenten Daniel Barenboim: „Musik ist etwas, das uns hilft, die Welt zu vergessen, und Musik ist etwas, wodurch wir die Welt verstehen können.“

Warum die Diagnose für uns wichtig ist
Angst vor Krankheit
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In einer von Millward Brown durchgeführten Umfrage im Auftrag von GE sind 10.000 Personen aus zehn Ländern befragt worden. Dabei ist herausgekommen, dass 74 Prozent der Menschen es wissen wollen, wenn sie an einer neurologischen Krankheit leiden – selbst, wenn keine Chance auf Heilung besteht. Die Gründe dafür sind vielfältig.

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Kein Kopfkino  
Rund 36 Prozent der Befragten geben an, dass eine Diagnose ihnen endlich Gewissheit über ihren Zustand geben würde. Das Kopfzerbrechen über eine mögliche Krankheit ist damit beendet. Die Ungewissheit ist vorbei, da der Befund vorliegt.

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Die verbleibende Zeit nutzen
Selbst wenn sie eine unheilbare neurologische Krankheit hätten, wäre es 36 Prozent der Umfrageteilnehmer wichtig den Befund zu kennen, damit sie ihre persönlichen Ziele so weit wie möglich noch erreichen können.

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Zeit mit der Familie genießen
48 Prozent der Befragten geben an, dass sie ihre Diagnose kennen wollen, damit sie mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen können. So können sie so viele gemeinsame Stunden wie möglich im Kreise ihrer Liebsten verbringen.

Testament
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Persönliche Dinge regeln
Egal, ob Testament oder Patientenverfügung: Rund 49 Prozent der Umfrageteilnehmer möchten die Zeit nutzen, um im Vorfeld ihre persönlichen und finanziellen Angelegenheiten selbst zu regeln.

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Die richtigen Entscheidungen treffen

Welche Behandlung passt zum Betroffenen? 62 Prozent der Befragten wollen ihre Diagnose kennen, damit sie ausreichend Zeit haben, sich über die Therapiemöglichkeiten ausführlich informieren zu können. So hoffen sie, eine qualifiziertere Entscheidung bezüglich ihrer Heilmethode zu treffen.

Rauchen
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Den Lebensstil ändern
Starker Raucher, Junk-Food-Liebhaber oder Sportmuffel: 66 Prozent der Umfrageteilnehmer geben an, dass sie eine Diagnose als Anlass nehmen würden, ihren Lebensstil zu ändern. So besteht außerdem die Chance, den Verlauf der Krankheit zu beeinflussen.


  • dpa
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