Hepatitis-Medikamente Kampf um Milliarden-Markt

US-Konzerne bringen sich im boomenden Segment für Hepatitis-C-Mittel in Stellung, um Marktführer Gilead Sciences Konkurrenz zu machen. Die hohen Preise für die Medikamente sorgen für Alarmstimmung bei den Kassen.
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Teure Pillen: Die Therapie eines Hepatitis C-Patienten  kostet rund 100.000 Euro. Quelle: dpa

Teure Pillen: Die Therapie eines Hepatitis C-Patienten kostet rund 100.000 Euro.

(Foto: dpa)

Selten haben Pharmainnovationen für so viel Wirbel und Geschäft gesorgt wie die neuen Mittel gegen die Virusinfektion Hepatitis C. Der Markt für dieses Therapiegebiet dürfte sich im laufenden Jahr mehr als verdreifachen - auf geschätzt 18 bis 20 Milliarden Dollar.

Den Löwenanteil davon bestreitet der US-Hersteller Gilead Sciences mit seinem Bestseller Sovaldi. Aber nun schicken sich mehrere Konkurrenten an, in dem neuen Milliardengeschäft mitzumischen. Der Markt wird dadurch neu verteilt, gleichzeitig aber auch erweitert. Denn die zusätzlichen Wirkstoffe dürften teilweise in Kombination mit den bereits zugelassenen Produkten eingesetzt werden - und sind dabei kaum billiger als der Marktführer. Die Krankenkassen müssen im Gegenzug fürchten, dass sich die ohnehin kostspielige Hepatitis-Behandlung noch weiter verteuert.

Vor wenigen Tagen erhielt der US-Konzern Bristol-Myers Squibb die EU-Zulassung für seinen Wirkstoff Daclatasvir, der unter dem Namen Daklinza vertrieben wird. Er ist zugelassen für den Einsatz in Kombination mit Sovaldi. Bereits seit Mai ist das US-Unternehmen Johnson Johnson mit seinem Mittel Olysio am Start, das ebenfalls mit Sovaldi, aber auch mit anderen Wirkstoffen kombiniert werden kann.

Deutsche Pharmabranche außen vor

Möglicherweise noch im laufenden Jahr wird der Pharmahersteller Abbvie mit einem eigenen Hepatitis-Medikament antreten, in dem gleich drei Wirkstoffe kombiniert sind und das damit die anderen Mittel komplett ersetzen könnte. Marktführer Gilead wiederum hat eine eigene Kombinationstablette mit Sovaldi und einem weiteren Wirkstoff im Zulassungsverfahren. In klinischen Studien testet er zudem eigene Dreifach- und Vierfachkombinationen. Mit im Rennen sind ferner der US-Konzern Merck Co. sowie einige kleinere Pharma- und Biotechfirmen.

Wie sich das Gesundheitswesen verändern wird
Die Ironie der Realität
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Viele der größten Herausforderungen, die das 21. Jahrhundert mit sich bringt, sind letztlich das Resultat positiver Veränderungen – zum Beispiel die höhere Lebenserwartung und eine bessere Vernetzung. Um die unerwünschten Nebeneffekte abzufedern, braucht es innovative Ideen, Forschung und Technologien. Im Folgenden die fünf wichtigsten Entwicklungen im Gesundheitsbereich.

Alternde Gesellschaft
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Bis 2050 soll die Zahl der Über-60-Jährigen auf über zwei Milliarden steigen, prognostiziert die WHO. Dadurch wird auch die Zahl von altersbezogenen Erkrankungen wie Krebs oder Alzheimer zunehmen. Vor allem in den Entwicklungsländern, in denen gegenwärtig 80 Prozent der durch chronische Erkrankungen verursachten Todesfälle auftreten, werden davon betroffen sein.

Kein ganz gewöhnlicher Tourist
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Aufgrund steigender Behandlungskosten reisen Patienten zunehmend ins Ausland, um sich dort behandeln zu lassen. Das Wirtschaftsvolumen des Medizintourismus wird pro Jahr auf zwischen10 und 40 Milliarden US-Dollar geschätzt. Zu den Top-Zielen zählen Indien, Mexiko und Thailand.

Wählen Sie D für Doktor
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Durch die zunehmende Vernetzung sind immer mehr qualifizierte Leistungen im Bereich Gesundheit verfügbar. Zu den Anwendungen zählen hier mobile Gesundheits-Apps, Diagnosen via Videokonferenz sowie Sprechstunden per Telepräsenz. Auch Fernoperationen können mithilfe von Chirurgie-Robotern möglich werden.

Zu wenige Spenderorgane
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Weltweit sind Spenderorgane knapp. Auf eine Million Einwohner kommen in der EU durchschnittlich nur 19,5 Spender. Deutschland liegt mit 10,7 Spendern deutlich darunter. 2014 gab es hier laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation insgesamt nur 864 postmortale Organspenden. Lösen ließe sich die geringe Bereitschaft der Bürger hierzulande mit Organen aus dem 3D-Drucker: Durch die neue Technologie könnten Angebot und Nachfrage ausgeglichen werden.

Die deutsche Pharmabranche dagegen ist beim Boom der Hepatitis-Gegenmittel nicht mehr mit von der Partie. Der Branchenzweite Boehringer Ingelheim hat die Arbeiten an zwei zulassungsreifen Produkten vor wenigen Monaten mangels Erfolgsaussicht eingestellt. Bayer und Merck waren auf dem Gebiet nie tätig.

Den Weg in das neue Feld haben Fortschritte in der Virusforschung geebnet. So gelang es in den vergangenen Jahren, Substanzen zu identifizieren, die gezielt in den Vermehrungsmechanismus der Hepatitisviren eingreifen. Sie blockieren spezielle Eiweißmoleküle, sogenannte Proteasen und Polymerasen, die das Virus nutzt, um seine DNA in den Wirtszellen zu vervielfältigen.

Mit Kombinationen der neuen Wirkmoleküle konnten in klinischen Studien Hepatitis-C-Infektionen bei nahezu allen Patienten vollständig zurückgedrängt werden. Bisherige Medikamente, darunter Interferonprodukte wie Pegasys und Pegintron, schafften das nur in höchstens 70 Prozent der Fälle - und waren dabei außerdem mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden. Viele Betroffene verzichteten daher auf eine Behandlung, und Ärzte hielten anstehende Therapien in Erwartung der neuen Wirkstoffe zurück. Es besteht daher vielfach auch eine aufgestaute Nachfrage nach den neuen Mitteln.

Teure Pille

Welches kommerzielle Potenzial sich daraus ergibt, zeigen die Zahlen der US-Firma Gilead. Deren erst im Dezember genehmigtes Mittel Sovaldi verbuchte im ersten Halbjahr nach der Zulassung bereits 5,8 Milliarden Dollar Umsatz - eine bisher beispiellose Größenordnung für eine Neuentwicklung im Pharmasegment.

Nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO sind weltweit etwa 170 Millionen Menschen mit dem HC-Virus infiziert, davon schätzungsweise sieben Millionen in den westlichen Industrieländern. Bei vielen zeigt die Infektion kaum Symptome, sie kann langfristig aber Leberzirrhose und Krebs verursachen und gilt daher indirekt als Hauptgrund für Lebertransplantationen.

Nicht zuletzt mit diesen hohen Folgekosten begründen die Pharmahersteller die eigenen Preise. So wird Sovaldi von Gilead in den westlichen Staaten bisher zu Listenpreisen von um die 80 000 Dollar (umgerechnet rund 60 000 Euro) für einen zwölfwöchigen Therapiezyklus vermarktet. Die Gesamtkosten für eine Kombinationsbehandlung addieren sich damit auf mehr als 100 000 Euro. Das Hepatitis-Marktvolumen im Westen könnte damit theoretisch mehrere Hundert Milliarden Euro erreichen.

In rund 80 Entwicklungsländern dagegen will Gilead Agenturberichten zufolge Sovaldi weitaus günstiger anbieten. Dort soll ein Therapiezyklus nur etwa 900 Dollar kosten.

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