Jürgen Harms
"Es wird sehr schnell zum Messer gegriffen"

Etwa 40 Prozent der Operationen bei Bandscheibenbeschwerden hält Jürgen Harms für nicht notwendig. Der Chirurg über vorschnelle Operationen und alternative Behandlungen.
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Wer mit dem Wirbelsäulenchirurg Jürgen Harms ein Telefoninterview führen will, braucht mehrere Anläufe: Entweder ist Harms planmäßig im OP, oder er wird kurzfristig zu einer Operation hinzugerufen. Seit 2012 arbeitet der Professor am Ethianum in Heidelberg. Vorher war er lange Leitender Arzt am Klinikum Karlsbad-Langensteinbach, Lehrkrankenhaus der Universität Heidelberg.

Die Techniker-Krankenkasse geht davon aus, dass 85 Prozent aller Bandscheibenoperationen unnötig sind. Wird in Deutschland viel zu viel operiert?
Bei Bandscheibenbeschwerden wird tatsächlich sehr schnell zum Messer gegriffen. 85 Prozent der Operationen als überflüssig zu bezeichnen halte ich aber für überzogen. Meiner Meinung nach sind etwa 40 Prozent der Bandscheiben-OPs nicht notwendig.


Was sind die Alternativen?
Die konservative Behandlung eines Vorfalls mit Schmerzmitteln und Physiotherapie hat ebenso gute Heilungschancen wie eine Operation, sie dauert eben nur Wochen, manchmal Monate länger. Eine recht neue Behandlungsmethode ist außerdem die minimal invasive Therapie. Dabei wird die entzündete Nervenwurzel örtlich betäubt und Cortison gegen die Entzündung gespritzt. Der Eingriff muss sehr präzise sein, notwendig ist deshalb der Einsatz eines Computertomografen.

Was sind die Vorteile dieser Methode gegenüber der klassischen Bandscheibenoperation?
Die Schmerzen klingen meist schneller ab als bei einer konservativen Behandlung. Die Rückkehr in den Beruf ist damit deutlich früher möglich. Außerdem stellt die Spritze ein kleineres Risiko für den Patienten dar als die klassische Bandscheiben-OP. Dort gibt es in zehn Prozent der Fälle immer noch Komplikationen.

Dennoch ist die Zahl der klassischen Operationen an der Bandscheibe in den vergangenen fünf Jahren weiter gestiegen. Geht es da vor allem ums Geldverdienen?
Natürlich verdienen Ärzte an Operationen, ebenso die Kliniken. Aber der große Anstieg ist meiner Meinung nach vor allem auf den Umbau der Krankenhausstruktur zurückzuführen. Durch die Belegärzte, also die niedergelassenen Fachkollegen mit eigenen Belegbetten im Krankenhaus, stehen mehr Operateure zur Verfügung. Der wirtschaftliche Druck steigt. Bandscheibenpatienten haben eine relativ kurze Liegezeit, die OPs werden aber gut bezahlt. Auch der Patient will immer schneller zurück am Arbeitsplatz sein. So fällt die Entscheidung für eine Operation an der Bandscheibe öfter als nötig.

Studien zeigen, dass auch immer mehr Kinder und Jugendliche unter Rückenschmerzen leiden. Warum?
Bewegungsmangel ist einer der Hauptursachen für Rückenprobleme. Ich glaube, dass bei der heutigen Kindergeneration das viele Sitzen vor Computern oder Smartphones das Entstehen von Rückenschmerzen begünstigt. Es gibt aber auch Bandscheibenvorfälle bei Kindern, die nicht durch zu vieles Sitzen erklärt werden können. Da muss es auch eine Veranlagung zu der Erkrankung geben.

Was sind die größten Gefahren für den Rücken? Zu wenig Bewegung, zu einseitige Bewegung?
Generell ist Bewegung wesentlich besser als keine Bewegung. Wenn Sie als Leistungssportler natürlich in eine Bewegung hineintrainieren, die für die Wirbelsäule per se schlecht ist, können Sie dadurch auch entsprechende Schäden und Überlastungen hervorrufen.

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