Kampf gegen Krebs
Das Prinzip Hoffnung

Erfolgreiche Krebsforschung schafft im Pharmasektor mehr Wert als neue Fusionen. Denn das Umsatzpotenzial von erfolgreichen Wirkstoffen kann enorm sein.
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Die Moleküle tragen nichtssagende Namen wie Nivolumab, MK-3475 oder MEDI-4736. Aber sie haben nach Ansicht vieler Pharmaforscher das Potenzial, den Kampf gegen Krebs um einen wichtigen Schritt voranzubringen. Sogenannte Immuntherapien sind in den vergangenen beiden Jahren zu den heimlichen Stars der Onkologie-Forschung aufgestiegen. Auf dem diesjährigen Asco-Meeting, der seit Freitag laufenden, weltweit wichtigsten Krebsforschungstagung, dürften sie abermals im Rampenlicht stehen. Und nicht zuletzt haben sie auch das Zeug, eine Renaissance der Pharmaforschung zu befeuern.

Die meisten der neuen Wirkstoffkandidaten setzen dabei an einem Eiweißmolekül an, das den sogenannten programmierten Zelltod (PD-1) reguliert. Auf diese Weise, so die große Hoffnung, wird Tumorzellen ein Abwehrmechanismus entzogen, der sie vor dem Angriff von Immunzellen schützt. Wie gut das wirklich funktioniert, ist alles andere als sicher. Die neuen Substanzen befinden sich durchweg noch im Versuchsstadium.

Klar gezeigt haben die Neuentwicklungen indessen bereits ihre Fähigkeit, den programmierten Tod von Pharmaunternehmen hinauszuzögern oder sogar komplett abzuwenden. Zuletzt bestätigte sich das indirekt beim erfolgreichen Abwehrkampf der britischen Astra-Zeneca gegen den Übernahmeversuch des amerikanischen Konkurrenten Pfizer. Denn es waren vor allem Entwicklungskandidaten im Bereich der Krebs-Immuntherapie, auf die das Astra-Management seine ehrgeizigen Wachstumsprognosen und Preisforderungen stützte und die letztlich auch den Verwaltungsrat des Konzerns davon überzeugten, die Offerte von Pfizer als zu niedrig zurückzuweisen.

Astra-Zeneca ist nicht das einzige Unternehmen, das seine Eigenständigkeit indirekt der Krebsforschung verdankt. Der US-Konzern Bristol-Myers Squibb (BMS) hätte sich vermutlich längst in eine Fusion flüchten müssen, wäre es ihm in den vergangenen Jahren nicht gelungen, eine hoffnungsträchtige Pipeline im Bereich der Immuntherapien aufzubauen. Und auch der einstige Branchenführer Merck Co. verdankt zumindest einen Teil seiner zuletzt relativ starken Börsenperformance den Entwicklungskandidaten im Bereich PD-1.

Mit ihrem aktuellen Geschäft befinden sich diese Pharmakonzerne wohlgemerkt allesamt im Niedergang, mit Umsatzrückgängen von zuletzt sieben bis acht Prozent. Ihr Börsenwert ist in den vergangenen beiden Jahren dagegen um 50 Prozent oder mehr gewachsen.

Das spricht dafür, dass nicht nur Manager der Firmen, sondern auch Investoren inzwischen wieder größere Zuversicht in die Pharmaforschung entwickeln. Denn Fortschritte in relativ eng definierten Bereichen können bereits ausreichen, wie die Beispiele zeigen, um selbst größeren Unternehmen zu einer Renaissance zu verhelfen. Die neuen Immuntherapien haben insofern das Zeug, nicht nur die Krebsbehandlung stark zu beeinflussen, sondern auch die Strategien der Pharmakonzerne. Sie stellen indirekt die Idee einer neuen Mergerwelle in der Branche infrage, indem sie quasi bestätigen, dass Investments in die Forschung in den letzten Jahren deutlich mehr Wert generierten als Großfusionen.

Positive Beispiele liefern auch andere Unternehmen, etwa der Bayer-Konzern mit seinem Blutverdünner Xarelto oder US-Firmen wie Gilead und Biogen Idec, die sich mit einzelnen Treffern in den Bereichen Multiple Sklerose oder Hepatitis nach oben katapultierten. Im Onkologiebereich führten vor allem die Schweizer Konzerne Roche und Novartis vor, wie sich mit einer begrenzten Zahl an neuen Produkten ein Riesengeschäft aufbauen lässt. Innerhalb eines Jahrzehnts entwickelte sich die Krebstherapie dadurch von einer Nischen-Indikation zum größten Einzelmarkt der Pharmabranche.

Dabei birgt das Forschungsgebiet nach wie vor jede Menge Potenzial für Enttäuschungen, wie nicht zuletzt ein Blick auf die Statistik zeigt.

Weltweit befinden sich nach Daten des amerikanischen Pharmaverbandes inzwischen rund tausend potenzielle Krebsmedikamente in klinischer Entwicklung. Dem stehen bescheidene neun Neuzulassungen im vergangenen Jahr gegenüber, vier weniger als im Jahr zuvor.

Aber das bedeutet keineswegs, dass sich die Wette auf Forschung nicht rechnet. Denn das Umsatzpotenzial von erfolgreichen Wirkstoffen kann enorm sein. Schon wenige Treffer können genügen, um auch größeren Pharmafirmen zu neuer Blüte zu verhelfen.

Das Prinzip Hoffnung ist insofern intakt. Nicht nur für die vielen Patienten, die auf bessere Therapien warten, sondern auch für die Pharmariesen, die neues Wachstum suchen.

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