Krankenhäuser
Die Mär von der Rationierung

Eine neue Studie zeigt: In Kliniken gibt es eher zu viel als zu wenig Versorgung - weil es lukrativ ist. Ein beunruhigendes Ergebnis der Untersuchung: Es gibt zu wenig Pflegekräfte.
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Pünktlich zur Sitzung der Bund-Länder-Kommission zur Krankenhausreform am Montag wartet der Lehrstuhl für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen mit einer brisanten Studie auf. Er hat Klinikmanager, Chefärzte und Pflegedirektoren zu dem Thema befragt, ob es an deutschen Krankenhäusern die von Klinik- und Ärzteverbänden beschworene Rationierung medizinischer Leistungen tatsächlich schon gibt. Das Ergebnis dürfte den Reformunterhändlern helfen: Einer Rationierung von Leistungen sind die Patienten bislang allenfalls punktuell ausgesetzt. Dafür bestätigt die Studie den Verdacht, dass medizinisch nicht erforderliche Leistungen vielfach aus rein ökonomischen Gründen erbracht werden. Es geht mithin bei der anstehenden Klinikreform weniger darum, zusätzliches Geld in die stationäre Versorgung zu stecken, als das Vorhandene besser zu verteilen.

"Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass ökonomisch motivierte Überversorgung von einem Teil der Chefärzte als Problem wahrgenommen wird", sagt Studienautor Antonius Reifferscheid. 39 Prozent der befragten Chefärzte seien "tendenziell" der Meinung, dass es so zu "nicht erforderlichen Eingriffen" komme. Für den Bereich Kardiologie meinten fast 60 Prozent der Chefärzte, dass wirtschaftliche Gründe definitiv oder wahrscheinlich zu "überhöhten Eingriffszahlen" führen. Bei den orthopädischen Abteilungen sagten das noch 49 Prozent.

Das passt zu dem Befund, dass Deutschland weltweit mit die meisten künstlichen Hüften und Kniegelenke verbaut und bei Wirbelsäulen- Operationen, Herzkathetern und Herzstents im Spitzenfeld liegt. "Was uns dabei beunruhigt, ist, dass nicht nur große leistungsfähige Kliniken diese Leistungen immer mehr erbringen", so Matthias Mohrmann, Vorstand der AOK Rheinland. "Am Beispiel der Wirbelsäulenchirurgie sehen wir, dass sich auch immer mehr kleine Häuser auf dieses lukrative Geschäftsfeld begeben." Da drohe die Qualität auf der Strecke zu bleiben.

Aber auch in allen anderen weniger im Verdacht der Überversorgung stehenden Abteilungen geht immerhin ein Viertel bis ein Drittel der Chefärzte davon aus, dass überflüssige Leistungen erbracht werden.

Es fehlen 15 Milliarden Euro für Investitionen

Für Gesundheitsökonom Jürgen Wasem ist das Nebeneinander von punktueller Rationierung und Überversorgung nicht in erster Linie eine Folge davon, dass die Kliniken seit zehn Jahren nicht mehr in Tagespflegesätzen, sondern über an der Leistung orientierte Pauschalpreise bezahlt werden. "Das Hauptproblem ist, dass die Länder ihrer Verpflichtung zur Finanzierung der Investitionen nicht nachgekommen sind." Reifferscheid beziffert den so seit 2004 entstandenen Investitionsstau auf 15 Milliarden Euro.

Geld, das die Kliniken versucht haben bei den Vergütungen für die laufenden Kosten durch die Krankenkassen abzuzweigen. Dies sei, so Reifferscheid, vor allem zulasten der Pflegekräfte erfolgt. Und dies führt zum wohl beunruhigendsten Ergebnis der Studie: 80 Prozent der Pflegedirektoren meinen, dass die Personaldecke hier inzwischen so dünn ist, dass nicht mehr alle erforderlichen Leistungen erbracht werden können. AOK-Manager Mohrmann bringt die Lage etwas zynisch auf die Formel: "Die Patienten werden sehr gern von den Kliniken aufgenommen, finden dann aber niemanden vor, der sich um ihre Bedürfnisse kümmert."

Bei der ärztlichen Versorgung stellt Rationierung die Ausnahme dar. So gaben je nach Fachbereich drei Viertel bis über 80 Prozent der Chefärzte an, sie hätten nie oder seltener als einmal im Monat Patienten eine nützliche Leistung vorenthalten oder durch eine preiswertere, weniger effektive ersetzt. Dabei findet derlei Rationierung häufiger in kleinen Häusern als in großen und Klinikverbünden statt.

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